Gabelstapler fahren zu können, ist nicht nur eine nützliche Qualifikation für viele Lager- und Baustellen-Situationen. Es macht auch richtig viel Spaß. Besonders interessant wird es, wenn man als einzige Frau und mit einem völlig anderen Hintergrund als der Rest des Kurses einen Staplerschein Stufe 1 macht. So interessant, dass es darüber unbedingt diese Reportage hier geben muss.
Es ist einer dieser ganz heißen Tage, mindestens 30 Grad im Schatten, alles in mir schreit nach Badesee. Heute ist mein Geburtstag, eigentlich sollte ich frei entscheiden können, was ich tue – aber ich muss/darf/soll ein Geschenk einlösen. Ein Überraschungsgeschenk.
Ich werde ins Industriegebiet bei Leubas gefahren und am Anfang der Heisinger Straße ausgeladen. Da stehe ich nun – etwas irritiert, aber auch voller Spannung und Vorfreude – auf dem Parkplatz. Die Gebäudetür ist offen, im unteren Stockwerk ist an diesem Samstag alles leer. Ich schleiche in den ersten Stock, einen langen Gang entlang bis zum Raum am hintersten Ende. Dort sitzen ein paar Menschen. Männer. Auf den Tischen des Seminarraums liegen Blöcke, Stifte, kleine Werbegeschenke. An der Wand ist die Startfolie einer Präsentation zu sehen, es geht um Schulungen, Baufahrzeuge, Gabelstapler.
Ich mache meinen Staplerschein
Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Ich mache heute meinen Staplerschein. Was für eine verrückte, coole Idee. In den vergangenen zwei Jahren war ich auf dem Macher-Festival der bekannten YouTuber „The Real Life Guys“ (@TheRealLifeGuys). Dort konnte man neben jeder Menge anderer Workshops und Aktionen auch Gabelstapler fahren. Und ich hatte eine irre Freude daran. Paletten aufnehmen, über kleine Hindernisse holpern, Hütchenparcour – immer wieder habe ich mich in die lange Schlange gestellt, um mitmachen zu dürfen. Und heute soll ich das noch einmal bekommen, nur viel ausführlicher!
Und anstrengender. Theoretischer. Wir verbringen den ganzen Vormittag mit Hintergrundwissen und Regeln zum Staplerfahren. Wir – das sind neben meiner Wenigkeit der Dozent Benjamin Brugger (www.stapler-brugger.de), der mit viel Geduld, Gelassenheit und Geschick durch den Unterricht führt und acht Männer unterschiedlichen Alters vom Fußballer, der Teilzeit im Lager arbeitet, bis zu Geflüchteten, die eine Weiterbildung bekommen. Die Sprache ist immer wieder eine Herausforderung an diesem Vormittag, denn Regel- und Paragrafen-Deutsch ist nicht unbedingt leicht zu verstehen. Wir beschäftigen uns mit Fragen wie: Welche persönliche Schutzausrüstung ist nötig? Was muss ich prüfen, bevor ich mit dem Stapler überhaupt losfahre? Welche Ge- und Verbotszeichen gibt es?
50 theoretische Prüfungsfragen
Und wir sprechen über Unfallgefahren. In fast 70 Prozent der Unfälle mit Staplern werden Personen angefahren. Deshalb ist es extrem wichtig, den rückwärtigen Raum zu kontrollieren, nicht auf schrägem Untergrund zu wenden und kippende Lasten zu vermeiden. Wir erfahren, was das Kippkantendreieck ist und lernen auszurechnen, welche Zulast wir aufnehmen können und wann es für den Stapler zu viel wird. Denn umfallende Stapler sind die häufigste Todesursache in diesem Business. Teil eins des Staplerscheins ist eine theoretische Prüfung, für die 50 Multiple-Choice-Fragen mit maximal acht Fehlern beantwortet werden müssen. Ich habe angeblich einen Fehler, weise aber darauf hin, dass die Frage semantisch missverständlich gestellt ist, sodass meine Antwort schließlich als korrekt zählt. Teil eins ist also bestanden.
Rückwärtsslalom um Pylonen
Dann geht es an die Praxis: Auf dem Werksgelände von Keslar am Ostbahnhof sind drei Stapler aufgereiht, wir dürfen uns in Dreiergrüppchen einen aussuchen. Jetzt wird es richtig witzig. Vorwärts im Slalom um die Hütchen, rückwärts, vorwärts immer schneller, eine Palette hochheben, vorsichtig und präzise auf einem IBC-Tank ablassen. Dieses zentimetergenaue Abstellen und Hochheben ist gar nicht so einfach und erfordert eine gewisse Routine im Umgang mit den ganzen Hebelchen und Knöpfen im Stapler. Als ein „Mitschüler“, der mindestens genauso nichtsahnend ist wie ich, mir erklärt, wie ich’s tun soll, habe ich komischerweise ein Problem mit den Ohren. Nach ein paar Übungsversuchen bekomme ich meine Aufgaben blitzsauber hin und darf wieder Slalom fahren. Auch die praktische Prüfung habe ich damit in der Tasche und bin stolze Besitzerin eines „Flurfördermittelscheins“.
Um nun tatsächlich in einem Betrieb einen Gabelstapler fahren zu dürfen, bräuchte ich noch weitere Zulassungsvoraussetzungen: Ich müsste mir einen Fahrauftrag organisieren, der dann auch nur im ausstellenden Unternehmen gelten würde. Zudem bräuchte ich eine jährliche Unterweisung, um regelmäßig mit dem Stapler arbeiten zu dürfen. Den Aufwand werde ich mir erstmal nicht machen. Aber wer weiß: Wenn ich ein Leben nach dem 0831 brauche, vielleicht findet man mich dann in einem Hochregallager wieder…
Text und Bilder: Anke Roser
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