DAS KEMPTENER STADTMAGAZIN

Rollenklischees entgegenwirken von Anfang an

 

Wege aus der Rosa-Hellblau-Falle

Im Weihnachtsgeschäft werden sie wieder massenweise gekauft: Rosafarbene Spielsachen und Kleidung für Mädchen – bevorzugt um Haushalt und Fürsorge nachzuspielen. Und mit Glitzer. Genauso wie blaue Spielgeräte und Klamotten für Jungs – bevorzugt um Technik und Wettkampf nachzuspielen. Und mit Motorgeräuschen. Was wir unseren Kindern damit antun, haben wir Almut Schnerring und Sascha Verlan gefragt. Die beiden haben den Bestseller „Die Rosa-Hellblau-Falle“ geschrieben, diesen Sommer einen gut besuchten Fortbildungsworkshops in Kempten gegeben und den „Medienkoffer Klischeefrei“ miterfunden, der in der Stadtbibliothek ausgeliehen werden kann. 

 

Was war die überraschendste Frage, die Ihnen bei Ihrem Workshop in Kempten gestellt wurde?

Almut Schnerring: Wir waren im Kempten Museum – das war genau das passende Umfeld. Denn eine wiederkehrende Frage wollte an die Wurzeln des Phänomens: Wo hat die rosa-hellblaue Unterteilung ihre Anfänge? Überraschend ist vor allem die Antwort: Es gab in der Steinzeit – und übrigens auch noch im Mittelalter – ganz andere Rollenbilder, als wir sie heute kennen Keine männlichen Jäger und weiblichen Sammlerinnen, sondern viel mehr Arbeitsteilung auf Augenhöhe. [Hier vielleicht noch ein Satz, wann Rosa-Hellblau tatsächlich begann?]

Welche Frage hören Sie bei Ihren Vorträgen am häufigsten und wie beantworten Sie sie?

Sascha Verlan: Wir hören immer wieder das Bedauern, dass überwiegend Frauen an unseren Veranstaltungen teilnehmen, und nur so wenige Männer. Als ob Rollenbilder und Gleichberechtigung ein Frauenthema wären. Und ja, wenn wir die Männer und Väter nicht dazu bekommen, sich aktiv einzubringen und ihre eigene Vorbildfunktion zu reflektieren, wird es schwierig eine nachhaltige Veränderung zu bewirken. Manchmal haben wir Männer im Publikum, die explizit von ihren Frauen geschickt wurden. Das finde ich gar nicht schlecht. Weil diese das Thema ja nicht grundsätzlich ablehnen, jedoch noch nicht nachvollzogen haben, was es mit ihnen selbst, ihrem Umfeld und ihrer eigenen Freiheit zu tun hat.

Aktuell sind Babys häufig beige-grün-naturfarben angezogen. Heißt das die Blau-Rosa-Thematik schwächt sich etwas ab? Oder ist das ein Trugschluss und es wird eigentlich schlimmer?

Sascha Verlan: Wir haben mit dem Titel unseres Buches die Farbkodierung in den Vordergrund gestellt, weil sich die Trennung hier oft plakativ zeigen lässt. Aber die Kleiderfarbe ist nur einer von vielen Aspekten. Ganz generell verhilft Gendermarketing der Freizeitindustrie zu mehr Umsatz. Denn es ist erwiesen, dass Kinder Spielzeug, das sie gerade noch interessant fanden, direkt ignorieren, wenn es durch Farbe oder Aufschrift einer anderen Gruppe zugeordnet wird. So lässt sich verhindern, dass Bruder und Schwester mit demselben Spielzeug spielen bzw. fördern, dass sie unterschiedliches brauchen. Was mehr Verkäufe nach sich zieht. 

Almut Schnerring: Das Medien- und Spielwarenangebot ist und bleibt stereotyp nach Geschlecht getrennt. Für Mädchen dreht sich alles um Puppen, Haushalt, Schönheit und Körperpflege. Dagegen sind die Welten, die an Jungen vermarktet werden, stark geprägt von Technik, Abenteuer und Kampf. Und das spiegelt sich später in der Erwachsenenwelt wider. Am deutlichsten ist es bei der Care- und Sorgearbeit, die seit Jahrzehnten ungebrochen die Aufgabe von Frauen bleibt. Einer unserer Workshops hat deshalb den Titel: der Care-Gap beginnt im Kinderzimmer. Und 'Care-Gap' lässt sich ersetzen durch jede andere Form der Geschlechterungerechtigkeit – Pay Gap, Gewalt, Lebenserwartung, Alltagssexismus, Geschlechterhierarchie …

Was tun Eltern ihren Kindern (oft unbewusst) an?

Almut Schnerring: Über 90% der Erwachsenen haben in einer repräsentativen Studie des Familienministeriums den Wunsch geäußert, dass Kinder sich frei von traditionellen Geschlechterrollen entfalten können sollen. Die meisten wollen ihre Kinder gleich behandeln, unabhängig vom Geschlecht. Allerdings fehlt uns oft das Handwerkszeug dazu – und das Bewusstsein für die eigene Prägung. Wenn dann Stress und Zeitmangel, äußere Einflüsse und Erwartungen hinzukommen, sind wir schnell dabei Rollenbilder zu reproduzieren, die wir eigentlich ablehnen. Damit schränken wir unsere Kinder in ihren Entfaltungsmöglichkeiten ein, also in ihren in Artikel 2 und 3 des Grundgesetzes verankerten Grundrechten.

Sascha Verlan: Konkret heißt das, dass wir aus Sorge, Anpassung oder anderen Gründen Vorverurteilungen aussprechen: Wir verbieten, dass der Sohn im Kleid in die Kita geht oder sich zum Geburtstagsfest der Oma sich die Fingernägel lackiert. Wir ermutigen Jungs ihren Teller leerzuessen, auf dass sie groß und stark werden, während wir Mädchen eher bremsen, weil sie ja schön und schlank sein müssen. Wir bitten bei handwerklichen, körperlich anstrengenden Tätigkeiten eher Jungen um Mithilfe als Mädchen, selbst wenn die Jungs objektiv körperlich schwächer sind. Aus einzelnen Erlebnissen werden Gewohnheiten, und aus Gewohnheiten Fähigkeiten und Interessen. So reproduziert sich das System der Ungleichheiten.

Welche Wege führen am sichersten aus der Rosa-Hellblau-Falle?

Sascha Verlan: Leider gibt es kein Patentrezept und bisher auch keine vorbildhafte Gesellschaft, die ohne Rollenbilder auskäme. Da hilft nur Selbstreflexion und lernen, leider durch Fehler. Was schnell hilft ist zu überlegen, ob wir das gerade Gesagte auch gegenüber dem jeweils anderen Geschlecht geäußert hätten, sei es ein Kompliment, ein Vorschlag oder eine Beurteilung. Wir müssen uns als Gesellschaft immer wieder selbst an die Nase fassen: Wer sich selbstbewusste, naturwissenschaftlich-mathematisch interessierte, durchsetzungsstarke junge Frauen wünscht, muss verhindern, dass Mädchen durch Werbung und Spielwarenindustrie, in Filmen und Büchern auf ihre häusliche Rolle, auf Schönheit und Niedlichsein reduziert werden. Wer sich einen höheren Anteil von Männern in Kitas und Grundschulen wünscht, wem engagierte, fürsorgende Väter wichtig sind, muss sich dafür einsetzen, dass kleine Jungen in diese Care-Bereiche hineinwachen dürfen. Gerade jetzt an Weihnachten wieder!

 

Medienkoffer Klischeefrei

Mit der Anschaffung von mehreren „Klischeefrei“-Medienkoffern und einem kostenfreien Fortbildungsangebot laden Gleichstellungsstelle, Kulturamt und Stadtbibliothek der Stadt Kempten pädagogische Fachkräfte dazu ein, Kinder in ihrer Verschiedenheit zu stärken und sie bei der Begleitung der Entfaltung ihrer Persönlichkeiten zu unterstützen. Die Koffer können in Kitas und Schulen, aber auch Jugendgruppen, Vereinen und an vielen anderen Stellen eingesetzt werden, an denen Kinder regelmäßig zusammenkommen. Die Ausleihe ist kostenfrei.

Weitere Informationen: https://bibliothek.kempten.de/medienkofferklischeefrei

 

Fotos: klischeesc.de, Almut Schnerring und Sascha Verlan