DAS KEMPTENER STADTMAGAZIN

Pianistin Nataliya Tkachenko zu Besuch in Dnipro

 

Als Pianistin in die Ukraine 

In diesem Jahr wird die bekannte ukrainisch-deutsche Pianistin und Musikpädagogin Nataliya Tkachenko aus Kempten ihre Geburtsstadt Dnipro in der Zentralukraine besuchen. Das letzte Mal war sie dort vor Ausbruch des Krieges. Heuer aber will sie vor Ort am Internationalen Festival of Piano Art „Music without Limits" als Pianistin teilnehmen – eine Veranstaltung, die sie 2009 mitbegründet hat. 

 

Anzeige
 

 

Im Gespräch mit dem Stadtmagazin berichtet Nataliya Tkachenko, dass sie trotz des andauernden Krieges mit Freunden und Familienmitgliedern vor Ort stets Kontakt gehalten hat und vom Allgäu aus Spendenaktionen in ihre frühere Heimat organisiert. Zu ihrem Freundeskreis gehören sowohl Menschen ukrainischer wie russischer Provenienz. Für die Ukraine sind multiethnische Familienbande und Freundeskreise die Regel.

Porträtfoto der Pianistin

 

Der Weg führt ins Allgäu

Im Jahr 2000 war sie als 25-Jährige aus der Ukraine als Au-Pair-Mädchen in eine Gastfamilie nach Maria-Rain ins Allgäu gekommen. Zuvor hatte ihre Mutter ihr großes musisches Talent gefördert und mitgeholfen, dass sie als Siebenjährige die Aufnahmeprüfung am Staatlichen Konservatorium für Musik in Dnipro bestand und Schülerin von Jurij Nowikow wurde. Die junge Ukrainerin erkannte, dass sie ihr Leben dem Klavierspielen widmen wollte und ließ sich an der Sergei-Prokofjew-Hochschule in Donezk ausbilden. 

Ende der 1990er Jahre – die Ukraine wurde 1991 ein unabhängiger Staat – waren die Lebensumstände schwierig. Das tägliche Leben war hart, entbehrungsreich und teils ohne Perspektive. So reifte der Wunsch eine akademische Ausbildung als Musikerin im Westen anzustreben.

 

Erfolgreicher Aufstieg

Nach mehreren Bewerbungen in Süddeutschland setzte Nataliya Tkachenko ihr Klavierstudium bei Silke-Thora Matthies an der Hochschule für Musik in Würzburg fort. Anschließend studierte sie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg Musikpädagogik und Musikwissenschaften, wo sie seit 2012 als Dozentin das Instrumentalfach Klavier lehrt. In Kempten wurde sie einem breiten Publikum durch ihre Tätigkeit als musikalische Leiterin des Theaters in Kempten bekannt. Gerade hat sie eine neue CD eingespielt… Zudem widmet sie sich als Musikpädagogin der Ausbildung junger Menschen am Klavier. 

 

Gespannt auf die Stimmung in Dnipro

Wenn Nataliya Tkachenko dieses Jahr nach Dnipro fährt, ist sie gespannt auf die Stimmung der Menschen vor Ort. Die Stadt am Dnepr liegt rund 180 Kilometer von der Front entfernt und beherbergt das Metschnikov-Krankenhaus – rund 45.000 Kriegsverletzte wurden dort seit Beginn des Krieges behandelt. 

Nataliya Tkachenko wünscht sich nichts sehnlicher, als dass der Krieg endlich endet. Sie sagt: „Es ist moralisch fragwürdig, die Möglichkeit einer drohenden Niederlage auszublenden und dadurch weitere Zerstörung, Tote und Vertreibung in Kauf zu nehmen. Bei künftigen Friedensverhandlungen würden vermutlich vor allem die USA und Russland profitieren. Viele sprechen bei den aktuellen Plänen von einer faktischen Kapitulation der Ukraine. Doch glaubt wirklich noch jemand, dass Zögern die Lage verbessert – begleitet von tausenden weiteren toten Soldaten und Zivilisten?" 

Und sie ergänzt: „Eine Garantie für dauerhaften Frieden – weder für die Ukraine noch für Russland oder Europa – gibt es nicht. Krieg ist seit Jahrzehnten ein lukratives Geschäft, und die Menschheit scheint unfähig, es zu beenden. Dieses Verdienen am Krieg möchte Nataliya Tkachenko gebrochen sehen und will mit ihrer Teilnahme am Internationalen Festival of Piano Art ein Zeichen setzen: „Ich persönlich wünsche mir, dass wir dem Krieg endlich Frieden geben."

 

Fotos: Nataliya Tkachenko