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Aktionswoche zu Liebe, Sex & Behinderung

 

Der 05. Mai ist der europäische Protesttag für Menschen mit Behinderung. Warum Protest? Weil Ziele wie Gleichberechtigung und Teilhabe oft noch immer weit entfernt sind. Jedes Jahr aufs Neue überlegen sich Akteure in Kempten und dem Oberallgäu wie die Caritas, die Lebenshilfe, der Verein Körperbehinderte Allgäu und der Beirat für Menschen mit Behinderung der Stadt Kempten, welcher Aspekt in dem Zusammenhang in den Mittelpunkt gerückt werden sollte. Dieses Jahr geht es um Liebe, Sexualität und deren Grenzen im Leben von Menschen mit Behinderung – und das eine ganze Woche lang.

„Wir haben uns intensiv überlegt: Für welches Thema möchten wir Öffentlichkeit bekommen und mehr Sensibilisierung erreichen“, berichtet Stefan Raichle von der Caritas Kempten, der Teil des Organisationsteams ist. „Da kam in der Diskussion auf einmal das Thema Sexualität auf. Und hat uns nicht mehr losgelassen.“ Die ursprüngliche Idee war, eine bereits existierende Wanderausstellung mit dem Titel „Echt mein Recht“ nach Kempten zu holen. Doch der finanzielle und organisatorische Aufwand wäre kaum zu stemmen gewesen, trotz einer gewissen Förderzusage seitens der „Aktion Mensch“, die das Orga-Team eintreiben konnte.
 

Aktionswoche „Mein Körper. Mein Recht.“

„Also haben wir beschlossen selbst ein Programm auf die Beine zu stellen“, berichtet Theresa Widmer von der Caritas Oberallgäu. Zentrale Fragen, die in der Aktionswoche „Mein Körper. Mein Recht“ vom 02. bis 10. Mai beantwortet oder zumindest angesprochen werden sollen, sind: Inwieweit sind Menschen mit Behinderung gewöhnt ihre sexuellen Bedürfnisse auszusprechen? Und auszuleben? Wie sieht es mit Themen wie Partnerschaft und Kinderwunsch aus? Oder Bevormundung und Gewalt?  

Das Thema an sich ist bereits ein weites Feld. Welche Zielgruppe hat die Aktionswoche? Auch die ist weit gefasst bzw. betrifft pro Veranstaltung teilweise unterschiedliche Gruppierungen. Die Organisatoren möchten Menschen, die in der Lebenssituation sind, direkt ansprechen – dafür wird es am 07. Mai einen Gesprächskreis über gute und schlechte Gefühle und Gewalt geben. „Dann möchten wir aber auch Menschen aus unserem eigenen Arbeitsumfeld adressieren, die in der Behindertenhilfe arbeiten, sei es professionell oder ehrenamtlich“, erzählt Raichle. Wer tief in das Thema eintauchen möchte, kann am 06. Mai die ganztätige Fortbildung „Liebe & Sexualität bei Erwachsenen mit Behinderung“ besuchen. Auch Sorgeberechtigte und Angehörige sind eingeladen. „Ich denke beispielsweise an Eltern junger Erwachsener mit Downsyndrom, die einen Familienwunsch haben“, sagt Widmer. „Für alle genannten Gruppen ist sicher auch der Podcast interessant, den wir mit der Sexualbegleiterin Pamina aufnehmen.“ Der Podcast ist hier verfügbar.
 

Zwei Kino-Vorführungen: Luisa & Als wäre es leicht

Und dann ist da natürlich die breite Öffentlichkeit. Wir alle, die wir diesen Artikel lesen. Hier ist das Kino das Mittel der Wahl. Sowohl der Colosseum in Kempten als auch das Union-Filmtheater in Immenstadt haben sich bereiterklärt, einen Film aus diesem Themengebiet zu zeigen. In Kempten läuft am 03. Mai um 19:30 Uhr der Film „Luisa“. Darin geht es um eine junge Frau, die in einer Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderung lebt und überraschend schwanger ist. Der Verdacht auf sexuellen Missbrauch liegt nahe, die Ermittlungen der Polizei werden zur Belastungsprobe für Luisa, ihre Partnerschaft und das Personal der Wohneinrichtung. Wer nach den Eindrücken dieses Filmes darüber sprechen möchte, kann zu einer Diskussionsrunde im Kino bleiben.

„Wichtig war uns auch, dass es eine Berührungsmöglichkeit mit dem Thema in einer Art ‚Light-Version‘ gibt“, sagt Theresa Widmer. „Im Kino in Immenstadt kann man bei „Als wäre es leicht“ Eindrücke zu Behinderung und Liebe an sich ranlassen, ohne dass es zu schwer wird. Der Film ist eine ungewöhnliche Love-Story, in der sich ein blinder Mann und eine gehörlose Frau ineinander verlieben – mit allen Kommunikationsproblemen, die das so mit sich bringt.“ Die Vorstellung im Union-Filmtheater beginnt am 05. Mai um 18:45 Uhr.

 

Statements Aktionswoche

  • Welche Überlegung hat euch geleitet bei der Planung der Aktionswoche?
    Stefan Raichle, Caritas: „Wir möchten das Thema aus seiner dunklen Ecke holen, so dass sich Leute trauen, darüber zu sprechen. Deshalb gibt es Angebote in unterschiedlichen Tiefen und mit unterschiedlichen Medien: Wir haben Filme, ein Gespräch, eine Fortbildung, etwas zum Hören. Wer zum Beispiel keine Lust auf Kino hat, kann sich in Ruhe einen Podcast anhören und abbrechen, wenn es zu viel wird.“
     
  • Warum ist es euch wichtig diesen Film zu zeigen?
    Andrea Dietel-Sing, Colosseum: „Die im Film ,Luisa‘ angesprochene Problematik ist stets aktuell, vielschichtig, aus ethischer Sicht schwer zu beurteilen und dadurch besonders interessant. Eine wesentliche Frage ist, ob  Menschen mit Behinderung dieselben Rechte und Pflichten haben wie Menschen ohne Behinderung, gerade was Luisas Entscheidungen angeht. Der Film ist uns wichtig, da eine Gesellschaft sich nur weiterentwickeln kann, wenn sie sich mit allen Problematiken auseinandersetzt.“
     
  • Wie engagiert ihr euch in dem Themenspektrum der diesjährigen Aktionswoche?
    Janina Janser, Lebenshilfe Kempten: „Das Thema liegt uns in den Offenen Hilfen der Lebenshilfe Kempten besonders am Herzen. Deshalb ist einmal im Jahr rund um den Valentinstag eine Single-Party fester Bestandteil unseres Freizeitangebots für Menschen mit Beeinträchtigungen. Mit Angeboten wie einer „Liebeswand“ mit kleinen Botschaften und verschiedenen Kennenlern-Formaten schaffen wir bewusst Räume, in denen sich Menschen mit Beeinträchtigungen begegnen und näherkommen können – daraus ist sogar schon eine Verlobung entstanden.“
     
  • Warum hat der Protesttag so eine wichtige Bedeutung für dich und die Community?
    Waldemar Ruf, Beirat für Menschen mit Behinderung: „Der Protesttag hat für mich eine besondere Bedeutung, da die Aktionen an diesem Tag die Bevölkerung auf die Gleichstellung der Menschen mit Behinderungen aufmerksam machen. Jeder hat ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Das zeigen wir an diesem Tag besonders deutlich. Gleichzeitig möchte ich mit unterschiedlichen Leuten ins Gespräch kommen. Denn die meisten Barrieren befinden sich in den Köpfen.“
     
  • Liebe, Sexualität und deren Grenzen im Leben von Menschen mit Behinderung – wo siehst du besonderen Aufklärungsbedarf bei diesem Thema?
    Moritz Brückner, Rollstuhlrugby-Nationalspieler: „Ich finde Sex ist wesentlich mehr als nur stumpfer Geschlechtsverkehr, nämlich echte Intimität. Man muss kein High Performer sein, sondern es geht darum Gefühle auszutauschen und sich nahe zu sein. Es mag sein, dass bei uns Rollstuhlfahrern der aktive Teil nicht mehr so riesig ist, aber das macht’s nicht zwingend schlechter. Viele Menschen sollten sich erstmal informieren, statt sich schnell eine Meinung zu bilden – sie wären bestimmt überrascht, was noch so alles machbar ist!“


Ein Video-Interview mit Moritz Brückner und einen Text über den Speaker und Spitzensportler findet ihr ab 05.05. hier auf dieser Website.

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