Noch bis zum 11. Oktober ist in der bigBOX Allgäu in Kempten die Ausstellung „Körperwelten und der Zyklus des Lebens“ zu sehen. Im Fokus steht der menschliche Körper vom Embryo bis zum Greisenhalter. In der schummerigen Atmosphäre der abgedunkelten BigBOX wird der kontinuierliche Veränderungsprozess des Körpers mithilfe zahlreicher echter menschlicher Exponate anschaulich dargestellt. Wir haben mit der Kuratorin und einem Körperspender über die Ausstellung gesprochen.
Wenn man den abgedunkelten Raum betritt, der sich an das mit pinken Körperwelten-Souvenirs gefüllte Foyer der bigBox anschließt, sieht man links an der Seite erstmal einen Strauß weißer Lilien, ein Bild von Dr. Gunther von Hagens und ein Kondolenzbuch. Als die Kemptener Ausstellung „Zyklus des Lebens“ gerade zweieinhalb Wochen gelaufen war, starb ihr Erfinder im Alter von 81 Jahren. „Sein Werk war wissenschaftlich, aufklärerisch und zutiefst humanistisch. Er hat Millionen Menschen dazu gebracht, den eigenen Körper mit anderen Augen zu sehen“, sagt seine Witwe Dr. Angelina Whalley, die Kuratorin der Körperwelten-Ausstellungen.
Im Gespräch mit dem 0831 erinnert sie sich an die gemeinsamen Anfänge: „Ich habe Medizin studiert und wollte eigentlich Chirurgin werden, dachte aber, in dieser männerdominierten Welt sei es gut ein bisschen Extraqualifikation mitzubringen. Deshalb wollte ich ein Jahr in die Anatomie gehen und habe meine erste Stelle am Anatomischen Institut der Uni Heidelberg angetreten. Dort habe ich meinen späteren Mann Gunther von Hagens kennengelernt – und seitdem ist meine berufliche Karriere in eine völlig andere Richtung gegangen.“
Zugrunde liegen ein paar sehr persönliche Entscheidungen. Whalley erzählt: „Gunther, der ja aus der DDR stammte und zwei Jahre im Stasihaft gesessen hatte, weil er versucht hatte die Republik zu verlassen, wollte immer nach Amerika auswandern, weil das in seiner Fantasie das Land der Freiheit schlechthin war. Ich wäre jedoch nicht bereit gewesen, mit ihm mitzugehen, und so haben wir den Kuhhandel gemacht, dass er nicht nach Amerika geht und ich nicht in die Chirurgie, sondern mit ihm in der Plastination arbeite. Als dann die Idee mit der Ausstellung aufkam, habe ich die Entwicklung der Themen, Konzepte und Texte übernommen.“
Kempten als ideale Location
Mit der Ausstellung in Kempten ist Angelina Whalley extrem glücklich: „Die Ausstellungshalle ist einfach perfekt, sie ist modern und für uns sehr einfach zu bespielen, und auch der Zeitraum hat logistisch wunderbar gepasst. Insgesamt haben wir gute Erfahrungen mit kleineren Städten gemacht, denn da spricht es sich schneller und intensiver herum, dass die Körperwelten da sind, und wir haben ein besseres Alleinstellungsmerkmal. Wenn ich zum Beispiel in London ausstelle, gibt es extrem viel Konkurrenz. Dort sichtbar zu sein als Veranstalter ist viel schwieriger – es spricht also vieles für einen kleineren Markt.“
Körperspender aus der Region
Zur Eröffnung der Körperwelten kamen auch einige sogenannte Körperspender aus der Region, also Menschen, die ihren Körper nach dem Tod dem Institut für Plastination in Heidelberg zur Verfügung stellen. Was nicht unbedingt heißt, dass sie als Plastinat in einer Ausstellung enden – genauso gut können sie ein „Anschauungsobjekt“ für Medizinstudierende werden. Definitiv wird ihr Leichnam aber für wissenschaftliche Zwecke eingesetzt. Mittlerweile sind mehr als 22.000 Personen in diesem Spenderprogramm registriert.
Einer davon ist Bernhard Stezala aus Wiggensbach. Er sagt: „Ich habe die Körperwelten-Ausstellung vor vielen Jahren in Klagenfurt gesehen, mich danach stark mit der damaligen Diskussion beschäftigt, ob das ästhetisch und moralisch vertretbar ist – und bin zu der Entscheidung gekommen: Das wäre genau das Richtige für mich. Denn ich möchte nicht irgendwo verscharrt oder verbrannt werden. Ich bin Atheist, glaube an nichts und bin der Meinung, wenn man tot ist, ist man tot – dann ist Schluss. Durch die Körperspende haben wenigstens andere noch etwas davon, dann bin ich nicht so nutzlos. Und meine Frau hat keinen Ärger mit der Beerdigung.“
Kinderführung Dr. Junior
In der zweiten Sommerferienwoche gab es in den Körperwelten in enger Kooperation mit dem 0831 eine ganz besondere Aktion: An vier Tagen durften jeweils bis zu zehn Kinder in weißen Kitteln und mit Stethoskopen ausgerüstet an einer speziellen Kinderführung namens „Dr. Junior“ teilnehmen. Eine Medizinstudentin aus Ulm erkläre den neugierigen Acht- bis Zwölfjährigen in gut verständlicher Weise das Funktionieren von Herz, Kreislauf, Verdauung, Sehnen, Bändern, Knochen und vieles mehr – und freute sich über die vielen neugierigen Fragen der kleinen Weißkittel.
Dieser Ansatz passt gut zur Intention der Körperwelten, denn Angelina Whalley sagt: „Wir haben bewusst keine bestimmte Zielgruppe definiert, denn diese Ausstellung soll alle Altersgruppen ansprechen. Ich finde es wichtig, dass wir über uns selbst Bescheid wissen, weil wir Menschen nur wertschätzen und schützen können, was wir auch kennen. Aber als Laie haben wir nie die Möglichkeit zu erfahren und zu sehen, wie komplex der Körper von innen ist. Das ist ein wesentlicher Grund dafür, dass wir über unseren Körper und seine wirklichen Bedürfnisse oft zu wenig nachdenken.“
Whalley hat beobachtet: „Der menschliche Körper funktioniert meist viele Jahre klaglos, und erst wenn sich die ersten Wehwehchen oder Funktionseinschränkungen einstellen, spürt man, wie kostbar er ist. Diese Ausstellung führt uns die Verletzlichkeit und die Komplexität des Körpers vor Augen und liefert die nötigen Informationen, damit wir unsere Lebensentscheidungen gut treffen können.“ Die Ausstellung „Zyklus des Lebens“ in der bigBOX in Kempten ist noch bis zum 11. Oktober geöffnet, unter der Woche ab 9 Uhr, am Wochenende und an Feiertage ab 10 und jeweils bis 18 Uhr.
Weitere Informationen: www.koerperwelten.de
Text und Bilder: Anke Roser
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