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Aktiv gegen Krebs – Sport so wirksam wie Chemotherapie?

Bewegung statt Schonung: Was lange Zeit für Krebspatienten als selbstverständlich galt, wird heute zunehmend infrage gestellt. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass gezieltes körperliches Training nicht nur die Lebensqualität verbessert, sondern auch das Risiko für Rückfälle und die Sterblichkeit bei bestimmten Krebserkrankungen senken kann. Am Klinikum Kempten setzt man deshalb auf ein neues Konzept: Mit dem Programm „Aktiv gegen Krebs“ wird Bewegung zu einem festen Bestandteil der Krebstherapie. 

Wer die Diagnose Krebs erhält, denkt zu nächst an Operationen, Chemotherapie oder Bestrahlung. An Sport vermutlich weniger. Schließlich kostet eine Krebserkrankung Kraft, und viele Betroffene fühlen sich durch die Erkrankung und ihre Behandlung körperlich erschöpft. Da scheint es naheliegend, sich möglichst viel Ruhe zu gönnen. Doch genau dieses Denken hat sich in der modernen Krebsmedizin grundlegend verändert. 

Heute weiß man: Wer sich während und nach einer Krebsbehandlung regelmäßig bewegt, kann mehr erreichen, als nur seine körperliche Fitness zu erhalten. Bewegung kann helfen, Nebenwirkungen der Therapie zu reduzieren, die körperliche Belastbarkeit zu verbessern und die Lebensqualität zu steigern. Und die Forschung liefert inzwischen Hinweise auf einen noch weitreichen deren Effekt: Bei bestimmten Krebserkrankungen kann gezieltes Training sogar die Wahrscheinlichkeit eines Tumorrückfalls und das Sterberisiko senken. 

Kann Bewegung mit einer Chemotherapie mithalten? Die Frage klingt zunächst gewagt. Doch eine 2025 veröffentlichte internationale Studie mit Darmkrebspatientinnen und -patienten liefert bemerkenswerte Ergebnisse: Bei den Teilnehmenden eines strukturierten Bewegungsprogramms war das Risiko, dass die Erkrankung zurückkehrte, eine neue Krebserkrankung auftrat oder sie starben, nach fünf Jahren um 28 Prozent geringer. Auch die Gesamtüberlebensrate war nach acht Jahren höher. Sport kann eine notwendige Chemotherapie zwar nicht ersetzen, aber wirkungsvoll ergänzen. Und auch Krebspatientinnen und -pa tienten, die keine Chemotherapie benötigen, können von gezielter Bewegung profitieren. Damit gewinnt körperliches Training als Bestandteil der modernen Krebsmedizin zunehmend an Bedeutung. 

 

Vor, während und nach der Behandlung 

Genau hier setzt das neue Programm „Aktiv gegen Krebs“ am Klinikum Kempten an. Die Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Kinderchirurgie unter der Leitung von Chefarzt Dr. Christian Hart hat gemeinsam mit Oberarzt Dr. Christof Keller und dem Kooperationspartner „f+p gesund bewegen“ ein speziell auf onkologische Patientinnen und Patienten abgestimmtes Bewegungskonzept entwickelt. Das Angebot richtet sich zunächst an Menschen mit Krebserkrankungen im Bauchraum und begleitet sie über verschiedene Phasen ihrer Behandlung hinweg. Bereits vor einer Operation sollen Ernährungsberatung sowie gezielte Atem-, Bewegungs- und Entspannungsübungen helfen, den Körper auf die bevorstehende Belastung vorzubereiten. Nach einer individuellen Analyse der körperlichen Leistungsfähigkeit folgt eine medizinische Trainingstherapie mit 18 angeleiteten Einheiten in kleinen Gruppen. 

Dabei geht es nicht um sportliche Höchstleistungen. Das Training wird individuell an den Gesundheitszustand und die jeweilige Behandlung angepasst. Ziel ist es, Kraft und Ausdauer aufzubauen, die körperliche Belastbarkeit zu verbessern und die Rückkehr in einen aktiven Alltag zu erleichtern.

 

Mehr als körperliche Fitness 

Neben den medizinischen Effekten spielt auch die psychische Komponente eine wichtige Rolle. Eine Krebsdiagnose verändert das Leben oft schlagartig. Wer selbst aktiv werden kann, gewinnt ein Stück Selbstbestimmung zurück. Bewegung kann helfen, das Vertrauen in den eigenen Körper zu stärken und die Lebensqualität zu verbessern. Deshalb endet das Kemptener Programm nicht mit den angeleiteten Trainingseinheiten. Die Patientinnen und Patienten werden dabei unterstützt, Bewegung langfristig in ihren Alltag zu integrieren. 

Sport statt Chemotherapie? Nein. Sport als wirksamer Bestand teil einer modernen Krebstherapie? Ja. Das Kemptener Programm „Aktiv gegen Krebs“ zeigt, wie sich diese Erkenntnis in die Praxis umsetzen lässt – und wie Patientinnen und Patienten selbst aktiv zu ihrer Genesung beitragen können. 

 

Vier Schritte zurück in einen aktiven Alltag 

Das Klinikum Kempten bietet gemeinsam mit „f+p gesund bewegen“ ein speziell entwickeltes Bewegungsprogramm für Menschen mit Krebserkrankungen im Bauchraum an. So funktioniert das Kemptener Programm: 

1. Vorbereitung: Ernährungsberatung sowie Atem-, Be wegungs- und Entspannungsübungen vor der Operation. 

2. Analyse: Individuelle Untersuchung der körperlichen Belastbarkeit und Erstellung eines persönlichen Trai ningsplans. 

3. Training: 18 angeleitete Einheiten à 60 Minuten, zwei mal wöchentlich in kleinen Gruppen. 

4. Dranbleiben: Unterstützung bei der langfristigen Integ ration von Bewegung in den Alltag. 

Dauer: Etwa drei bis sechs Monate für die ersten drei Phasen, anschließend mindestens drei Monate Begleitung beim langfristigen Training. Kosten: Die Leistungen sind größtenteils kassenfinanziert. Die individuelle Kostenübernahme hängt von der Versicherung ab

 

Krebs und Sport – das sagt die Wissenschaft 

28 % geringeres Risiko: Eine 2025 veröffentlichte interna tionale Studie mit Darmkrebspatientinnen und -patienten zeigte: Wer nach Operation und Chemotherapie an einem strukturierten Bewegungsprogramm teilnahm, hatte inner halb von fünf Jahren ein um 28 Prozent geringeres Risiko für einen Rückfall, eine neue Krebserkrankung oder den Tod. 

Mehr Lebensqualität: Regelmäßige Bewegung kann krebs bedingte Erschöpfung (Fatigue) reduzieren, die körperliche Leistungsfähigkeit verbessern und das psychische Wohl befinden stärken. 

Auch ohne Chemotherapie: Bewegung kann auch Men schen helfen, die ausschließlich operiert, bestrahlt oder mit anderen Verfahren behandelt werden. 

Wichtig: Sport ersetzt keine notwendige Krebsbehandlung, kann diese aber wirkungsvoll ergänzen.

 

| Fotos: unsplash federico-faccipieri, Klinikum Kempten |