Am Ende hat der Oberbürgermeister höchstpersönlich zum Vorschlaghammer gegriffen und zugeschlagen: Nach 78 Jahren ist die wichtigste Fußgänger- und Radlerbrücke Kemptens abgerissen worden. „Leider mussten wir das tun“, so Christian Schoch zwischen zwei kräftigen Schlägen auf das altehrwürdige Stahlkonstrukt, „der Illersteg war statisch nicht mehr zu halten.“ Mit jährlich fast 1,2 Millionen Nutzern bildet die Brücke eine wichtige Lebensader zwischen dem Osten und dem Zentrum der Stadt. Ende kommenden Jahres soll der Neubau fertig sein.
Ende Oktober hievte ein riesiger Kran die Reste des alten Bauwerks aus dem Flussbett, im Februar 2027 soll die neue tragende Grundkonstruktion aufgebaut werden. Die Gesamtkosten betragen laut Tiefbauchef Markus Wiedemann 8,4 Millionen Euro – knapp drei Viertel dieser Summe sind Fördergelder. Die Stadt Kempten muss also etwa 2,5 Millionen Euro übernehmen, um ihren Bürgerinnen und Bürgern wieder eine sichere, bequeme und vor allem direkte Verbindung über die Iller anbieten zu können.
Gebaut wird nach den Plänen eines Stuttgarter Architekturbüros in – so heißt es offiziell – „innovativer Bauweise“. Auf den tragenden Stahlhohlkasten werden segmentweise Module aus Holz und Car bonfaser-verstärktem Beton gesetzt. Die Planer haben versprochen, dass im Falle von Schäden nicht der gesamte Brückenüberbau ausgetauscht werden muss, sondern eine abschnittsweise Reparatur möglich wäre. Das künftige Bauwerk ruht auf einer einzigen, im Fluss verankerten Säule, dadurch wird die hochwasserbedingte Gefahr von sich stauenden Baumstämmen und anderem Treibgut deutlich verringert.
75 Meter lang und 7 Meter breit
Insgesamt wird die neue Brücke gut 75 Meter lang und sieben Meter breit. Davon stehen zweieinhalb Meter den Fußgängern und dreieinhalb Meter den Radfahrer zur Verfügung. Eine ins Brücken geländer integrierte LED-Beleuchtung sorgt für die nötige Helligkeit, Visualisierung: So soll der neue Illersteg aussehen die Lauffläche wird sand gestrahlt und soll dadurch besonders rutschfest werden. Als „Schmankerl“ verläuft auf der flussabwärts gelege nen Seite der Brücke ein schmaler Streifen, von dem aus die Flanierenden den Fluss und die dort aktiven Surfer beob achten können. Für April 2027 ist das Aufsetzen des Holz- Carbonbeton-Oberteils vorgesehen.
Sonntags fährt kein Shuttle
Bis der neue Illerübergang stehen wird, fehlt also ein wichtiger Bestandteil des Kemptener Wegenetzes. Die Stadt bietet einen kostenlos nutzbaren Bus-Shuttle an, um die nötigen Umwege für die Bürgerinnen und Bürger erträglich zu machen. Dieser Service soll mit rund 65.000 Euro pro Jahr zu Buche schlagen. Der 27 Passagiere fassende Kleinbus fährt im geplanten Viertelstundentakt mehrere Haltestellen zwischen Wohnmobilstellplatz und Jahnweg im Osten sowie Burgstraße und Rathaus im Westen an.
Testfahrten der 0831-Redaktion haben gezeigt, dass im Berufsverkehr dieser Takt nicht einzuhalten ist: Der Bus steht auf der Illerstraße, der Sankt-Mang-Brücke und in der Burgstraße oft im Stau. Der versprochene Transport von Fahrrädern im „Illersteg Shuttle“ ist realitätsfern: Im Idealfall passt genau ein Fahrrad in den Bus, mitfahrende Rollstuhl- und Rollator-Nutzende haben Vorrang – in der Praxis ist das städtische Radmitnahme-Angebot also mehr oder weniger obsolet. Der Shuttle ist von Montag bis Freitag zwischen 6 und 20 Uhr unterwegs, samstags von 8 bis 18 Uhr. Sonntags fährt kein Bus.
Note mangelhaft für Radumfahrung
Dann heißt es: Umwege laufen oder radeln. Wir haben die Alter nativrouten über die Iller ausprobiert. So ist man vom stets gut frequentierten Wohnmobilstellplatz aus statt bisher zehn Minuten nun mindestens doppelt so lange unterwegs, um zu Fuß ins Zentrum zu gelangen. Die Strecke führt über die immer stark befahrene St.Mang-Brücke, auf der man sich den Weg mit Radfahrenden teilen muss. Wer mit dem Rad unterwegs ist, benötigt naturgemäß weniger Zeit für die Alternativrouten, muss sich aber auf der Iller- und Burgstraße den Verkehrsraum mit Autos und Bussen teilen, weil keine separaten Radwege vorhanden sind. Das hatte bei den Testfahrten der Redaktion gelegentlich gefährliche Situationen zur Folge, mit unangenehmem Unsicherheitsgefühl oder, in Schulnoten ausgedrückt: mangelhaft. Wie die Umfahrung der Brückenbaustelle bei winterlichen Witterungs- und Straßenverhältnissen aussieht, bleibt abzuwarten.
Bei der Stadt Kempten zieht man bisher ein positives Fazit des Illersteg-Shuttles: „Die Bürgerinnen und Bürger nehmen das Angebot deutlich besser an als erwartet“, schreibt das Amt für Tiefbau und Verkehr. „Die meisten Radfahrer nutzen die St.-Mang-Brücke. Die Taktverzögerungen in der Rushhour können wir leider nicht beeinflussen.“
Neubau Rottachbrücke beim Reichelsbergweg
Die neue Rottachbrücke soll schon Ende Dezember fertig sein Visualisierung: Stadt Kempten Die Zeit des maroden Holzstegs über die Rottach am Fuße des Reichelsbergs ist vorbei – eine neue, breitere Geh- und Radwegbrücke wird ihn bald ersetzen. Die Bauarbeiten dafür haben am 07. Oktober begonnen und sollen bereits Ende des Jahres beendet sein. Zunächst werden im Umfeld Kanal- und Asphaltarbeiten durchgeführt, das bestehende Brückenbau werk wird abgebrochen. Einzige Umleitung für Fußgänger und Radfahrer ist die Brücke bei der Hinteren Rottach. Bei dem neuen Bauwerk handelt es sich um eine filigrane Holz konstruktion mit zwei Tragbalken und einem Holzüberbau. Um die Dauerhaftigkeit des Bauwerks zu erhöhen, wird der Oberflächenbelag asphaltiert. Die Gesamtkosten betragen rund 450.000 Euro, wovon der Freistaat Bayern drei Viertel im Rahmen von Förderungen übernimmt.
| Text: Lutz Bäucker, Fotos: Lutz Bäucker und Stadt Kempten |
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