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Manifest für die Zukunft der Kuh-Zunft

Christine Bajohr betreibt an den Hängen der Kugel bei Weitnau ihren Berg-Bauernhof. Dort produziert sie Bioheumilch und probiert neue Wege für den natürlichen Klimaschutz aus. Sie hat vor ein paar Jahren das gemeinnützige Netzwerk „Aera“ gegründet. Dort tauschen sich Bäuerinnen und Bauern, Wissenschaftler:innen und Mitglieder der Zivilgesellschaft aus, um die Landwirtschaft im Allgäu resilient für die Herausforderungen der Zukunft zu machen. Bajohr hat nun zum ersten Allgäuer Kongress für eine Agrarwende geladen. Motto: „Hat die Kuh-Zunft noch Zukunft?“

Es gibt immer weniger Landwirte, die aufs Milchvieh setzen, wachsende Bürokratie und fallende Preise knabbern am Fortbestand der Zunft, der Klimawandel tut das Seine dazu. Dass Handlungsbedarf besteht, wurde beim Kongress in Weitnau schnell klar. Verschiedene Szenarien machten deutlich, was auf die Bewohner der Region mittelfristig zukommen dürfte: Aufgrund des Klimawandels mit steigenden Temperaturen und häufigerer Dürre gibt es dann in niedrigen Lagen kaum noch Fichtenwälder, stattdessen zieren Obst- und Nussbaumhaine die Hänge zwischen den PV-Modulen, Felder mit hitzeresistenten Kulturen prägen das Landschaftsbild. Viehweideflächen verschwinden. Nur noch kleinwüchsige und hitzevertragende Rinder werden in Ställen gehalten, Milch und Fleisch werden weniger produziert und nachgefragt. Regenwasser wird so kostbar, dass es nicht mehr für Toiletten verbraucht werden darf. Daraus entsteht die Sorge: Ohne das Klischeebild von braunen Kühen mit sanften Augen und großen Schellen, die auf grünen Wiesen vor hohen Bergen grasen, verliert das Allgäu seine Attraktivität, seine wirtschaftliche Grundlage und vor allem auch seine Identität.

Ein Viertel weniger Rinder 

„Was bleibt, wenn die Kuh geht?“, fragte Bettina Burkart-Aicher von der Bayerischen Akademie für Naturschutz und legte Zahlen auf den Tisch. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Rinder im Allgäu um ein Viertel geschrumpft, obwohl noch 34 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen Grünland sind. „Ohne Beweidung verbuschen steile Lagen und Hochflächen, das kann man kaum noch zurückdrehen“, warnte die Expertin. Norbert Meggle, stellver tretender Landrat im Oberallgäu, meinte, dass die Rinder auf den Weiden immer öfter von immer mehr Freizeit-Aktivisten bedrängt würden. „Ja, der Freizeitdruck auf uns steigt“, bestätigte Fabian Höß als Vertreter der Alpbauern. „Rinder auf der Weide zu halten, erfordert einen großen Mehraufwand, das kostet Zeit und Geld. Wer bezahlt uns das?“

Mehr als Milch und Käse 

Um die Landwirtschaft resilient für die Zukunft zu machen, verfassten die Teilnehmenden das erste „Allgäuer Manifest für eine regionale Agrarwende“. Die Kernsätze: „Die regionale Agrarwende ist nötig und soll Tierwohl und Wirtschaftlichkeit, Ökologie und Wert schöpfung miteinander verbinden. Wir suchen gemeinsam nach Wegen und können im eigenen Bereich sofort damit beginnen.“ Konkret könnte das so aussehen: Nicht der Umsatz, also die Menge an Milch bzw. Fleisch, ist das Ziel eines landwirtschaftlichen Betriebes, sondern der Gewinn. Die Rinder müssen verstärkt wieder raus aus den Ställen und zurück auf die Weiden. Die stark zunehmenden Freizeitaktivitäten im Allgäu sollten auf die Bedürfnisse der Weidewirtschaft Rücksicht nehmen. Wer Rinder hält, kann sie auch für die Landschaftspflege und die Verbesserung der Bodenbeschaffenheit einsetzen. Dafür ist eine Art Gemeinwohl-Prämie für die Bauern vorstellbar. Denn Grünland ist ein Kohlendioxid-Speicher und damit Teil des Klimaschutzes. Die Kuh-Zunft bekäme also andere Aufgaben als heutzutage, könnte zur Erhaltung der Marke „Allgäu“ beitragen und gleichzeitig die seit Jahrhunderten gewachsenen kulturellen Strukturen bewahren. „Das Allgäu ist viel mehr als Milch und Käse“, so Unternehmer Hannes Feneberg. „Wir brauchen ein neues Narra tiv, dann sind unsere Zukunftschancen riesengroß!“ 

 

| Text und Foto: Lutz Bäucker, Sabine Rockstroh |