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Vom Heutransport zum Adrenalinkick

Was früher harte Arbeit war, sorgt heute für Gaudi und Herzklopfen, denn beim Hornerschlittenfahren im Allgäu geht es rasant bergab. Doch hinter dem urigen Wintersport steckt viel mehr: Aus einem landwirtschaftlichen Transportmittel ist eine anspruchsvolle Sportart geworden, bei der es auf Technik, Mut und vor allem Teamwork ankommt.

Früher war der Hornerschlitten im gesamten Alpenraum ein unverzichtbarer Helfer. Im Sommer gemähtes Heu, Brennholz, Milchkannen und sogar ganze Baumstämme mussten von den Alpen ins Tal transportiert werden – eine beschwerliche und nicht ungefährliche Arbeit: Wer mit schwerer Ladung bergab unterwegs war, brauchte Kraft, Geschick und jede Menge Erfahrung. Nicht umsonst galten die Fahrer als besonders mutige und geübte Burschen.

Mit der Modernisierung der Land- und Forstwirtschaft verlor der Hornerschlitten allmählich seine ursprüngliche Bedeutung. Viele Exemplare verschwanden auf Dachböden oder fristeten ihr Dasein unter Hausdächern. Bis einige junge Männer aus Garmisch-Par tenkirchen auf die Idee kamen, die alten Schlitten aus reiner Gaudi wieder den Berg hinunterzulenken. Am 6. Januar 1970 veranstal teten sie ein nächtliches Rennen – aus einer Wette heraus und mit gerade einmal sieben Schlitten. Die Strecke wurde beleuchtet, der Startschuss fiel aus einem Gewehr. Schon beim nächsten Rennen gingen 13 Schlitten an den Start, ein Jahr später waren es 37 und rund 4.000 Zuschauer. 1975 säumten bereits fast 8.000 Menschen die Strecke.

Auch im Allgäu etablierten sich in immer mehr Gemeinden Rennen und das Hornerfahren entwickelte sich zunehmend zum organisierten Sport. 1985 wurde das Hornschlittenfahren in das Regelwerk des Internationalen Rennrodelverbands (FIL) aufgenommen, 1995 fand die erste Europameisterschaft statt. Ambitionierte Teams treffen sich z. B. beim Internationalen Allgäu-Cup, bei Alpencup-Rennen und Europameisterschaften. Heute wird vielerorts akribisch trainiert, Schlitten werden technisch weiterentwickelt, Kufen präpariert und die Fahrtechnik verfeinert. Im Wettkampf entscheiden mitunter Hundertstelsekunden über die Platzierung. Bei ambitionierten Rennen erreichen die Teams Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 80 Kilometern pro Stunde, auf der Bobbahn in St. Moritz sogar bis zu 100 km/h. Damit ist das Hornerschlittenfahren längst mehr als ein spleeniges Hobby für Abenteuerlustige. Die Fahrer investieren viel Zeit, Energie und Idealismus. Trotz aller sportlichen Ambitionen gehört die Gaudi nach wie vor dazu.

 

Zwei Hörner, viel Holz und jede Menge Feinarbeit 

Seinen Namen verdankt der Hornerschlitten den beiden gebogenen Enden der Kufen. Sie dienten dazu, sich beim Fahren im Stehen festzuhalten, denn eine richtige Sitzbank gab es oft nicht. Das heutige Regelwerk besagt, dass jeder Schlitten in seinen wesentlichen Bestandteilen aus Holz sein muss. Ein typischer Zweisitzer für Rennen im Allgäu bringt etwa 45 Kilogramm auf die Waage und ist gut zwei Meter lang. Die Kufen sind besonders wichtig: Ihre Laufflächen werden geschliffen, die Kanten präzise geschärft und die Kufen je nach Temperatur gewachst. Doch die Technik allein macht noch kein gutes Team. Vorne lenkt der Fahrer auf Gleitschuhen den Schlitten, hinten hilft der Mitfahrer durch Gewichtsverlagerung. Ein eingespieltes Team ist ein echter Wettbewerbsvorteil.

 

Gaudi, Hobby oder Hochleistung? 

Bei den Gaudirennen steht der Spaß im Vordergrund. Originale Schlitten, manchmal sogar mit Heu oder Holz beladen, treffen auf kreative Mannschaftsnamen und wagemutige Fahrer in teils historischer Kleidung. Stürze gehören zum Spektakel dazu, während die Teams durchaus ehrgeizig um gute Zeiten kämpfen. Große Veranstaltungen wie in Pfronten oder Garmisch-Partenkirchen ziehen zahlreiche Teilnehmer und Zuschauer an. 

Bei Hobbyrennen geht es schon sportlicher zur Sache. Viele Mannschaften sind in Vereinen organisiert, trainieren regelmäßig und nehmen im Laufe einer Saison an mehreren Rennen teil. Trotzdem bleibt der gesellige Charakter erhalten – vom Zuruf am Streckenrand bis zum Fachsimpeln nach dem Rennen. Bei semiprofessionellen Rennen wie dem Alpencup oder der Europameisterschaft wird es deutlich anspruchsvoller. Die Schlitten sind technisch ausgefeilt, die Strecken nach festen Regeln präpariert und die Fahrer mit Rennanzügen, Helmen und weiterer Schutzausrüstung unterwegs. 

So rasant es auf der Strecke zugeht, so gemütlich kann es abseits davon werden. Das gemeinsame Training und die Pause in der Hütte gehören genauso dazu wie der Wettkampf. Bei den Rennen steht immer auch die Geselligkeit im Vordergrund und über die Jahre entstehen Freundschaften, die weit über den Winter hinausreichen. Das Hornerschlittenfahren verbindet damit zwei Welten: den Ehrgeiz, auf der Strecke schnell zu sein, und die Freude an Gemeinschaft.

 

Im Interview sprechen wir mit dem Vorstand von Hornados e.V. Sulzberg. Der Verein wurde 1989 als „Hornerverein“ gegründet, beteiligt sich auch an anderen Aktivitäten wie der Brauchtumspflege (z. B. Maibaumaufstellen), hat etwa 30 Mitglieder und nimmt an rund sieben bis acht Rennen pro Saison teil. Seit 1991 wird alljährlich am zweiten Januarwochenende das Sulzberger Hornerrennen auf einer ca. 600 m langen Strecke mit einem Höhenunterschied von 150 m veranstaltet.

 

3 Fragen an...

Lukas Geisenhofer, Vorstand Hornados: 

1 Wie würdet ihr den typischen Hornerfahrer beschreiben? 

Rustikal, gesellig, sportlich, idealerweise mit gutem skifahrerischem Können. Mehr als 50 % der Aktiven sind unter 40 Jahre alt, denn beim Rennen geht es schon mal richtig zur Sache. 

 

2 Wir sind ein wenig sensationslüstern: Welche Verletzungen passieren am häufigsten? 

Da gibt es Schnittwunden von den Kufen, Abschürfungen von der Bande an der Rennstrecke sowie gelegentlich Rippen- und Nasenbrüche. 

 

3 Was denkt ein Hornerfahrer kurz vor dem Start? 

Wird schon gutgehen! 

 

| Text: Eva Konzelmann, Fotos: Allgäuer Lichtmalerei, Eva Konzelmann |