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Waldbaden – auch im Herbst und Winter

In einer Zeit, in der Stress, Hektik und permanente Erreichbarkeit unseren Alltag bestimmen, sehnen sich viele Menschen nach Ruhe und Entschleunigung. Eine einfache und zugleich wirkungsvolle Methode bietet das sogenannte Waldbaden. Gerade der Herbst mit seiner bunten Farbenpracht und der Winter mit seiner klaren, stillen Luft bieten eine ganz besondere Kulisse, um zur Ruhe zu kommen und die Sinne zu schärfen. Und das „Baden“ im verschneiten Wald hat einen ganz eigenen, fast magischen Zauber. 

 

Warum Waldbaden? 

Der Begriff Waldbaden stammt aus dem Japanischen und heißt dort „Shinrin Yoku“, was übersetzt „Eintauchen in die Waldatmosphäre“ bedeutet. Es geht darum, den Wald mit allen Sinnen bewusst wahrzunehmen. Das Rascheln der Blätter, der Duft von Moos und Erde oder die unterschiedlichen Grüntöne der Natur helfen dabei, den Geist zu beruhigen und neue Energie zu tanken. 

Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Botenstoffe des Waldes positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben können. Zu den bekanntesten zählen die Terpene, eine große Gruppe organischer Verbindungen, deren chemisches Grundgerüst aus Einheiten des Moleküls Isopren (C₅H₈) aufgebaut ist. Auch Phytonzide und Geos min werden in diesem Zusammenhang häufig genannt.

Studien zeigen außerdem, dass ein Aufenthalt im Wald Stress reduzieren, den Blutdruck senken und das allgemeine Wohlbefinden steigern kann. Viele Menschen berichten nach einer Waldbaden-Einheit von mehr Gelassenheit, besserem Schlaf und größerer innerer Ausgeglichenheit. Bereits ein langsamer Spaziergang von ein bis zwei Stunden kann als wohltuend empfunden werden. Besonders wichtig ist es, das Handy auszuschalten und die Aufmerksamkeit ganz auf die Natur zu richten. Der Wald bietet damit einen wertvollen Ausgleich zum hektischen Alltag und erinnert uns daran, wie gut uns die Verbindung zur Natur tun kann. Wir sind Teil des großen Ganzen. Unter bestimmten Voraussetzungen können gesetzliche Kranken kassen Präventionskurse bezuschussen. Ob dies auch für einen Waldbaden-Kurs gilt, hängt unter anderem von der konkreten Kurs gestaltung und der Anerkennung durch die Zentrale Prüfstelle Prä vention (ZPP) ab. Sehr gute Erfahrungen gibt es auch im Rahmen einer Trauerbegleitung.

Wir haben mit der Waldachtsamkeitstraine rin Mirjam Falk gesprochen, die im Wirlinger Wald bei Buchenberg regelmäßig Kurse zu jeder Jahreszeit anbietet. Sie arbeitet mit den Bayerischen Staatsforsten zusammen und be sitzt ein Begehungsrecht für den Wald.

  •  Was ist der Unterschied zwischen einem Spaziergang und Waldbaden? 

Waldbaden bedeutet, bewusst Zeit im Wald zu verbringen und die Natur mit allen Sinnen wahrzunehmen – zum Beispiel die Farben und Farbverläufe der Herbstblätter, die Strukturen verschiedener Baumrinden, die Bewegungen des Windes und die Geräusche der Natur. Im Mittelpunkt stehen Aufmerksamkeit und Entspannung. Leistung oder Fitness spielen dabei keine Rolle. Es muss kein Ziel erreicht und keine Entscheidung getroffen werden. Gedanken und Ideen dürfen kommen und wieder gehen.

 

  •  Gibt es einen Moment aus Ihren Kursen, an dem Sie be- sonders deutlich gemerkt haben, dass Waldbaden wirkt? 

Ja, immer wieder. Einmal saß eine Teilnehmerin, die anfangs sehr angespannt wirkte, nach knapp einer Stunde einfach still an einem Baumstamm und wollte gar nicht mehr weitergehen. Sie meinte hinterher, sie habe sich seit Monaten nicht mehr so ruhig gefühlt. Solche Momente zeigen mir, dass der Wald oft schneller wirkt, als man denkt.

 

  • Muss man sportlich sein, um Waldbaden zu praktizieren? 

Nein, überhaupt nicht. Beim Waldbaden geht es nicht um Sport oder Wandern. Es eignet sich für Menschen jeden Alters. Man bewegt sich langsam und macht bewusst Pausen, um die Umgebung wahrzunehmen. Je nach Gehfähigkeit kann man auf Wegen bleiben oder auch abseits der Wege unterwegs sein.

 

  • Wie lange sollte eine Waldbaden-Einheit dauern? 

Bereits 30 bis 60 Minuten können wohltuend sein. Viele Angebote dauern jedoch zwischen eineinhalb und drei Stunden, damit genü gend Zeit für Achtsamkeitsübungen bleibt. 

 

  • Welchen Rat geben Sie Anfängern? 

Ohne Erwartungen in den Wald gehen, sich Zeit lassen, die Natur beobachten und den Moment genießen. Oft sind es die kleinen Dinge, die die größte Wirkung entfalten. 

 

  • Warum gewinnt Waldbaden derzeit so an Beliebtheit? 

Viele Menschen suchen nach einfachen Wegen, um Stress abzu bauen und ihr Wohlbefinden zu stärken. Der Wald ist dabei ein na türlicher Ort der Erholung, der für viele Menschen gut zugänglich ist. 

 

  • Ist es hilfreich, die eigenen Eindrücke nach dem Waldbaden zu dokumentieren? 

Ja, viele Menschen erleben es als bereichernd, ihre Gedanken, Ge fühle oder besonderen Wahrnehmungen nach einer Einheit festzu halten. Ob als Bild, Collage, Text oder Aufnahme – die Erlebnisse werden dadurch bewusster und die Eindrücke können oft länger im Alltag nachwirken. Mein Tipp: Ein kleines Erinnerungsstück mitneh men, zum Beispiel einen Zapfen, einen Stein oder ein paar Nadeln. 

 

| Text: Heike Stix, Fotos: Mirjam Falk |