KI und Content für die erste Lebensentscheidung
Die neue App choosely bringt junge Leute vor und nach der Berufswahl zusammen
Im letzten Heft haben wir über den neuen Social Startup-Hub berichtet, der im Gründerzentrum „Allgäu Digital“ in Kempten eröffnet wurde. Nun ist das erste Startup mit sozialer Wirkung dort eingezogen – mit dem bescheidenen Anspruch die Berufsorientierung zu revolutionieren.
328 anerkannte duale Ausbildungsberufe gibt es in Deutschland, plus nochmal rund 350 Ausbildungsberufe, die überwiegend an Berufsfachschulen erlernt werden. Schon da fragt man sich als junge Mensch: Wie soll ich bitteschön den Überblick behalten und dass Passende für mich finden? Noch viel krasser wird es, wenn das Thema Studium hinzukommt: Insgesamt 22.143 Studiengänge haben deutsche Hochschulen im vergangenen Semester angeboten, etwa zu gleichen Teilen Bachelor- und Masterstudiengänge. Hilfe!!!
Die Hilfe, die bei dieser Auswahl unumgänglich ist und auf jeden Fall höchst individuell ausfallen sollte, erhalten junge Leute künftig über eine neue App, die das Zeug hat zum führenden beruflichen Social Media-Kanal zu werden. „Choosely ist ein soziales Netzwerk, das Schüler:innen mit Ausbildungsbetrieben matcht“, berichtet Dominik Baum, der choosely erfunden und sich damit gerade selbstständig gemacht hat. In dem Namen stecken die englischen Begriffe „choose“ und „wisely“, da die App helfen soll kluge Zukunftsentscheidungen zu treffen. „Das soll aber nicht bedeuten, dass wir zusätzlichen Druck machen wollen bei der Berufsorientierung – den machen sich die Jugendlichen bei dem Thema schon selbst. Es ist vielmehr so gemeint, dass wir denjenigen, die unsere App nutzen, Hilfestellung anbieten, damit sie für sich selbst eine gute Entscheidung treffen.“
Dominik lebt seinen Traum
Dominik ist hier beim 0831 absolut kein Unbekannter: Drei Jahre lang hat er als verantwortlicher Redakteur das Kemptener Stadtmagazin entscheidend geprägt und zu dem gemacht, was es heute ist. Ende 2024 hat er dann beschlossen seine schon lange gehegte Idee einer digitalen Berufsorientierung mit Vollgas in die Tat umzusetzen. So wurde choosely vor wenigen Wochen das erste Startup, das über den neuen Social Startup-Hub in Kempten gefördert wird (vgl. letztes 0831, Seite 48) und nun zwischen lauter Tech-Startups bei Allgäu Digital in der Keselstraße in der alten Spinnerei sitzt.
Wobei Choosely ja auch nicht gerade wenig technisch ist: Eine zentrale Idee der App ist es, KI-gestützt Persönlichkeitstest und Prioritätenbestimmungen durchzuführen und möglichst genaue Übereinstimmungen zwischen persönlichen Vorlieben und angebotenen Ausbildungsplätzen herauszufiltern. Dominik fasst es so zusammen: „Wir setzen einen KI-gestützten Algorithmus ein, der die Informationen über die Schülerinnen und Schüler ordnet und auswertet und damit eine Vorselektion erstellen kann, welche Angebote geeignet sein könnten. Das bedeutet, dass Unternehmen nur Bewerbungen bekommen, die wirklich passen. Entscheidend ist dann aber eigentlich der nächste Schritt: Wir matchen nicht direkt die Schüler:innen mit dem Stellenangebot, sondern wir bringen sie mit jungen Menschen in dem passenden Unternehmen zusammen, die dort schon einen Schritt weiter sind.“
Jugendliche brauchen Role Models
Die Idee dahinter ist, dass Jugendliche in der Berufsorientierung Role Models brauchen, Vorbilder, die ihnen genau und authentisch berichten können, was auf sie zukommt. So entsteht Inspiration, die dann den Entscheidungsprozess leitet. Die Nutzer:innen von choosely können Auszubildenden folgen, die Content aus ihrem Unternehmen erstellen. Über Videos bekommen sie authentische Einblicke in verschiedene Ausbildungsrichtungen und können regionale Ausbildungsbetriebe ganz anders kennenlernen, als das nur über eine Stellenanzeige oder Website möglich ist. Dass die Schüler:innen sich dann auch direkt aus choosely heraus bewerben können, erleichtert ihnen und den Unternehmen gleichermaßen das Leben, da der komplette Prozess von der Berufsorientierung bis zur Bewerbung in der App abgedeckt ist.
Damit dieses ausgefeilte Konzept Realität wird, ist Tobias Stöffel mit an Bord. Er studiert in Kempten IT und programmiert derzeit den ersten Prototyp der App. „Für die Schüler:innen haben wir eine App geplant, in der sie gleichzeitig an ihrem Profil arbeiten und Content aus Firmen konsumieren können. Für die beteiligten Unternehmen wird es eine Web-App geben, auf der sie ihre Inhalte managen können. Wir haben für beides bereits Prototypen gebaut, werden diese jetzt noch ein wenig verfeinern und gehen dann mit interessierten Unternehmen ins Gespräch, um herauszuarbeiten, was sie gut finden und was sie gerne anders oder zusätzlich hätten. Bis Ende des Jahres soll es dann eine erste nutzbare Version von choosely geben.“
KI für Job-Matchings
Stellt sich noch die Frage: Ist choosely einzigartig? Oder gibt es diese Idee bereits auf dem Markt? Dominik hat eine intensive Marktrecherche betrieben und berichtet: „Es gibt immer mehr Startups, die auch in diese Richtung gehen, und das finde ich erstmal positiv, weil da in den letzten Jahren viel verschlafen wurde. Wir freuen uns also grundsätzlich darüber, dass sich aktuell etwas tut, denn Konkurrenz belebt das Geschäft und ermöglicht am Ende bessere Lösungen. Wir haben aber noch niemanden gefunden, der genau unsere Idee anbietet. Es ist durchaus so, dass KI eingesetzt wird, um passende Job-Matchings zu erzeugen. Der Ansatz, den wir verfolgen, geht aber weit darüber hinaus. Wir verbinden Menschen mit Menschen, damit die einen Vorbilder und Inspiration für die anderen sein können. Dieser Ansatz ist bisher meines Wissens tatsächlich einzigartig.“
Was das Thema „Matching“, also das Zusammenpassen von Anwender:in und Unternehmen angeht, möchte choosely mehr als nur einen „Matching Score“ ausweisen. Es wird nicht nur die Erkenntnis generiert: „Du passt zu 79 Prozent zur Ausbildungsstelle XY“, sondern es soll auch Handlungsempfehlungen geben. „Ein Beispiel könnte sein, dass ein Schüler gerade den Quali macht und wir ihn mit einer Ausbildungseinrichtung matchen, bei der alles perfekt passt, es aber ein formelles Problem gibt: Das Unternehmern fordert die Mittlere Reife für die Ausbildung. Dann können wir dem Schüler den Vorschlag machen, mit Eltern und Lehrkräften zu sprechen und darüber nachzudenken, ob es sinnvoll sein könnte noch ein Jahr mit der Schule weiterzumachen. Wir wollen die Jugendlichen intrinsisch motivieren. Es ist ja eine große Entscheidung, weiterhin die Schulbank zu drücken, wenn die Kumpels bereits Geld verdienen. Wenn wir aber gemeinsam herausgearbeitet haben, was das Ziel ist und warum sich das lohnt, weiß der Jugendliche selbst, was er will. Wir empowern Menschen ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen. Auch das ist ein Ansatz, den wir bisher bei keinem potenziellen Konkurrenzprodukt gesehen haben.“
Choosely sucht Verstärkung
Mit Unterstützung des Startup Centers der Hochschule Kempten konnte das Team von choosely in den letzten Wochen wertvolle Kontakte knüpfen und startet nun mit dem ersten Prototpy der neuen App. Aktuell sucht das Startup noch Unternehmen, die diese erste Version testen möchten.
Außerdem suchen Dominik Baum und Tobias Stöffel Schulen, die choosely im Berufsorientierungs-Unterricht einsetzen wollen.
Derzeit prüft das junge Startup eine Förderung durch das EXIST-Gründungsstipendium. Bei einer Zusage können bis zu drei Personen mit akademischem Background maximal ein Jahr lang finanziell unterstützt werden. Deshalb sucht das Team eine weitere gründungsinteressierte Person aus dem Hochschulumfeld mit BWL-Expertise.
Wer sich angesprochen fühlt, bitte direkt melden: dominik.baum@choosely.de
Weitere Infos: www.choosely.de
Text: Anke Roser