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Der Druck ist immer da!


Er gehört zur Elite der deutschen Fußball-Schiedsrichter, pfeift seit 15 Jahren in der ersten Bundesliga und stammt aus dem Allgäu: Robert Hartmann, 46 Jahre alt und Mitglied des SV Krugzell, nördlich von Kempten. Wir haben uns mit ihm über die Fußball-WM, den Videobeweis und die Fitness als Schiri ausgetauscht. 

Praktisch jedes Wochenende steht Hartmann im Mittelpunkt eines Spiels, seine Pfiffe, seine Entscheidungen werden bejubelt, verdammt und haarklein analysiert. „Am besten läuft es für mich, wenn ich unauffällig bin“, sagt er und stellt fest: „Ich kann sagen, einige herausfordernde Fußballspiele gut über die Bühne gebracht zu haben!“ Anlässlich der bevorstehenden Fußball-Welt meisterschaft in Amerika hat Hartmann mit dem „0831“ über Spiele unter dem Brennglas der Welt, über die Arbeit im Videokeller und darüber gesprochen, wie er mit dem permanenten Druck von Spielern, Trainern und Fans umgeht.

Hartmann selbst wird in den USA, Mexiko und Kanada nicht pfeifen, das bleibt wenigen, vom Weltfußballverband FIFA ausgewählten Schiedsrichtern vorbehalten. „Das ist eine absolute Auszeichnung“, findet der Allgäuer, „dafür muss man sich durch jahrelange Top-Leistungen qualifizieren.“ In den extrem unterschiedlichen klimatischen Bedingungen zwischen Rocky Mountains, Wüsten und Karibik sieht er eine gewaltige Herausforderung für alle, die beim bislang größten WM-Turnier der Geschichte auf dem Platz stehen.
 

Training wie ein Leistungssportler

„Hoffentlich dürfen meine deutschen Kollegen vor Ort mehr als zwei, drei Begegnungen pfeifen“, sagt er. „Die WM ist für einen Schiedsrichter etwas ganz Besonderes, das absolute Highlight je der Karriere!“ Auch deshalb, weil man mit vielen Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zu tun hat. Um in der Riesenschüssel des Aztekenstadions von Mexiko bei über 40 Grad bestehen zu können oder vor fanatischen Fans in Toronto einen kühlen Kopf zu bewahren, müssen körperliche und mentale Fitness stimmen, weiß der erfahrene Referee vom SV Krugzell. Er selbst lebt und trainiert wie ein Leistungssportler. Wochentags sind mehrere Trainingseinheiten obligatorisch, Ausdauer, Sprints, Muskelaktivierung und -mobilisation, Dehnungen, Massagen, das volle Programm. Meistens im Fitnessstudio, gern aber auch im Wald. „Schiedsrichter ist ein Fulltime-Job, der auch verlangt, mental absolut auf der Höhe zu sein“, betont Robert Hartmann. Seinen Beruf als Banker hat er auf Eis gelegt, er hat keine Zeit dafür, die gute Dotierung durch den DFB macht´s möglich.

Stichwort „mental“: „Das wird immer wichtiger für uns Schiedsrichter“, beobachtet Hartmann. Denn sie müssen in Sekundenbruchteilen schwierigste Entscheidungen treffen, mit höchst erregten Protagonisten umgehen und dabei immer die richtige Körpersprache zeigen. Hartmann geht diese permanent auftretenden Situationen wieder und wieder in Gedanken durch, prüft seine emotionale Kon trolle, zieht auch regelmäßig Sportpsychologen und Experten des DFB zu Rate. „Sich gedanklich vorzubereiten, ist essentiell.“ Im Fall des Falles heißt der erste Schritt: „Die beiden Verursacher identifizieren und vom Rest der Mannschaften trennen.“ Da schießt der Puls in den tiefroten Bereich, „entspannt ist da niemand mehr.“
 

Videobeweis als große Hilfe

Regelmäßig sitzt Robert Hartmann auch im sogenannten „Video-Keller“ in Köln, dort, wo strittige Situationen und Entscheidungen während eines Spiels auf mehreren Bildschirmen in möglichst kurzer Zeit analysiert werden müssen. Der viel diskutierte Videobeweis ist für Hartmann „absolut positiv, das Netz und der doppelte Boden für uns Schiedsrichter. Das Risiko von falschen Entscheidungen wird deutlich verringert, es hilft uns definitiv weiter.“ Zugegebenermaßen litten Emotionen und Stimmungen im Stadion unter manchmal zeitraubender Entscheidungsfindung, so Hartmann, „aber für uns geht Sicherheit immer vor Schnelligkeit.“ Um seine Arbeit zu optimieren, be spricht er sich sofort nach dem Schlusspfiff mit dem anwesenden Schiri-Beobachter des DFB und schaut sich sein Spiel noch mal in voller Länge an – aber immer ohne Spielkommentar, um jede Beeinflussung zu vermeiden. „Mit nunmehr 46 Jahren bin ich auf der Zielgerade meiner Laufbahn angekommen“, sinniert Robert Hartmann, „mal sehen, wie lange ich noch pfeifen werde. Ich fühle mich fit, in den Beinen und im Kopf!“
 

Text: Lutz Bäucker, Foto Bernd Feil