Mit einer Mischung aus formeller Routine, leichter Anspannung und zunehmend lockerer Aufbruchsstimmung hat sich am Donnerstagnachmittag der neue Kemptener Stadtrat konstituiert. Rund 100 Gäste verfolgten im Großen Sitzungssaal des Rathauses, wie Christian Schoch (Freie Wähler) offiziell sein Amt als neuer Oberbürgermeister der Stadt Kempten antrat – samt Vereidigung, Amtskette und einer persönlichen Rede.
Den formellen Auftakt übernahm das älteste Stadtratsmitglied Josef Mayr, der Christian Schoch den Amtseid abnahm. Mit den Worten „Ich schwöre Treue dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland …“ wurde der neue Oberbürgermeister offiziell verpflichtet, anschließend legte Mayr ihm die traditionelle Amtskette an. Auch für 16 neu gewählte Stadträtinnen und Stadträte (siehe Foto) begann an diesem Abend eine neue Zeit: Sie wurden ebenfalls vereidigt und nehmen nun für die kommenden sechs Jahre ihre Arbeit im Gremium auf.
„Es geht nicht um mich – es geht um Kempten“
Danach gehörte das Wort dem neuen Oberbürgermeister. Schon zu Beginn machte Schoch klar, dass er diesen Moment nicht nur als politischen, sondern auch als sehr persönlichen versteht. Unter dem Eindruck des gerade gesprochenen Amtseids wandte sich direkt an seine Familie, hörbar gerührt und mit Tränen in den Augen. Dass er für viele Kemptenerinnen und Kemptener noch eine relativ unbekannte Person ist, griff er offen auf, versprach sich viel bei den Menschen zu zeigen, stellte aber auch klar: „Es geht nicht um mich. Es geht um uns alle hier – und vor allem um Kempten.“ Seinen Leitgedanke für die kommenden Jahre formulierte er so: „Das Beste für die Menschen in unserer Stadt erreichen – nach dieser Prämisse wollen wir handeln.“
In seiner Rede sprach Schoch auch über persönliche Erkenntnisse aus den vergangenen Monaten. Daraus hat er Handlungsaufträge an sich selbst abgeleitet: „Setz dir zwei Ziele: eines, das du auf jeden Fall erreichen willst – und eines, von dem du glaubst, dass du es erreichen kannst.“ Und: „Fang an, groß zu denken – und im Kleinen zu handeln, stetig und zuversichtlich. Geh voran, mach den ersten Schritt. Sei demütig, bescheiden und dankbar für das Privileg, in dieser Stadt und in dieser vielfältigen Gesellschaft leben zu dürfen.“
Verantwortung, Demokratie und Zusammenhalt
Ein zentraler Teil der Rede drehte sich um Verantwortung und demokratische Werte. Schoch formulierte dabei einen klaren Anspruch – an sich selbst, aber auch an alle übrigen Stadtratsmitglieder und die gesamte Stadtgesellschaft: „Verantwortung heißt nicht, anderen ständig zu sagen, was sie zu tun haben. Sondern selbst zu handeln.“ Wichtig sei es, sich an gemeinsame Werte und Regeln zu halten und für das eigene Handeln Rechenschaft abzulegen.
Besonders eindringlich sprach er über seine Angst davor, dass sich gesellschaftliche Zustände wie vor 100 Jahren wiederholen könnten: „Mein stärkster Antrieb ist die Sorge, dass sich solche Zustände wiederholen. Deshalb müssen wir tagtäglich für unsere Demokratie einstehen.“ Als Grundlage für das zukünftige Zusammenleben nannte Schoch drei klare Eckpfeiler: Das Recht auf Würde und Respekt, das Recht, gehört zu werden, auch wenn es unbequem ist und die Pflicht zur Gegenwehr, wenn Hass und Ausgrenzung um sich greifen. Sein Ziel: eine politische Kultur, „die fair im Umgang, aber hart in der Sache ist – und vor allem transparent“.
Finanzielle Herausforderungen – aber kein Stillstand
Auch die schwierigen Rahmenbedingungen der kommenden Jahre sprach Schoch offen an. Die Stadt stehe vor großen finanziellen Herausforderungen durch steigende Pflichtaufgaben und unsichere Einnahmen. „Wir werden jeden Euro zweimal umdrehen müssen“, sagte er – machte aber zugleich klar: Stillstand sei keine Option. Investiert werden solle in Bildung, Wohnen, Infrastruktur, Verwaltung und Digitalisierung. Die Kemptenerinnen und Kemptener dürfen gespannt sein, wie gut es dem neuen Oberbürgermeister gelingen wird, sich an seine eigenen Vorsätze, Ziele und Absichten zu halten.
Zwei Bürgermeisterinnen für Kempten
Im Anschluss standen weitere Wahlen auf der Tagesordnung. Zur zweiten Bürgermeisterin wurde Sybille Knott gewählt, die einzige vorgeschlagene Kandidatin. Die Rechtsanwältin sitzt seit 1996 im Stadtrat, war bereits zwölf Jahre stellvertretende Bürgermeisterin und nahm die Wahl bei 42 gültigen Stimmen (eine Nein-Stimme und zwei ungültigen Stimmen) an. Zur dritten Bürgermeisterin wählte der Stadtrat Erna‑Kathrein Groll (Grüne), die dieses Amt bereits in der vergangenen Wahlperiode ausgeübt hatte. Auch sie wurde im Anschluss vereidigt. Damit hat Kempten künftig zwei Bürgermeisterinnen, die den Oberbürgermeister vertreten.
Fraktionsvorsitzende und Losverfahren
Im weiteren Verlauf wurden die Vorsitzenden der Stadtratsfraktionen festgelegt: Helmut Bertchtold für die CSU, Thomas Landerer für die Freien Wähler, Dominik Tartler für die Fraktion der Grünen, Walter Freudling für die AfD, Ullrich Kremser für FDP, UB, ÖDP, KKF, Volt und Junge Union sowie Katharina Schrader für SPD und Linke. Ohne Gegenstimmen beschloss der Stadtrat außerdem die Patt‑Auflösung bei Abstimmungen per Losverfahren – eine Regelung, die im weiteren Verlauf bei der Besetzung der zahlreichen Ausschüsse rege Anwendung fand.
Text: Anke Roser, Foto: Andrea Hiemer
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