… für Anerkennung, Wahrnehmung und geeignete Therapien
Mac Aaron Kessler lebt seit 1998 im Allgäu und seit 2010 dauerhaft in Kemp ten. In seinem Leben geht es auf und ab, hin und her: mal glücklich, mal am Boden zerstört und erstarrt, mal erleichtert und hoffnungsvoll, dann wieder suizidgefährdet, mal ernst genommen, mal ignoriert und abgewiesen – er hat schon alles erlebt. Als hochsensibler Mann mit verschiedenen psychischen Störungen will er aufmerksam machen auf bestehende Hindernisse, aber auch auf Lösungsmöglichkeiten. Vor allem will er Männer ermutigen, sich zu öffnen, über ihre Gefühle und Störungen zu reden sowie nicht aufzugeben, Menschen und Therapien zu suchen, die wirklich helfen
Jetzt ist Mac Kessler 48 Jahre alt. Seit 30 Jahren lebt er mit der Diagnose „Borderline Persönlichkeitsstörung (BPS)“. Nach mehreren Therapien ist er immer noch oder wieder in einem kritischen Zustand. Wie kommt es, dass man einfach nicht dauerhaft einigermaßen stabil bleibt? Liegt es an der Störung an sich, an falschen Therapieansätzen, an einem selbst? Alles nicht einfach. Im Laufe des Gesprächs mit Mac wird eines ganz deutlich: Kategorisieren, Schubladendenken, starres Bestimmen nach Symptomen ist hier nicht angebracht, nicht lösungsorientiert und sogar fatal.
Hindernisse
Verharmlosung
Mit 18 Jahren wurde bei Mac BPS festgestellt. Zu dieser Zeit war er körperlich noch fit, hat eine Ausbildung als Bäcker absolviert und nach der ersten Therapie weitergearbeitet, weiter „funktioniert“. Auch, weil er damals noch gar nicht richtig wusste, was es bedeutet, mit dieser Störung zu leben und weil anno 1998 in Deutschland noch keine speziell entwickelte Therapie existierte und kein Nachsorgeangebot bestand. Das funktioniert eine Weile, einige Jahre, vielleicht Jahrzehnte. Aber ohne die richtige Therapie verfällt man immer wieder in die gleichen Verhaltens- und Reaktionsmuster. Das ist mit viel Leid, Wut und Chaos verbunden. Ohne Bewusstsein für das, was in den Momenten der unverhältnismäßigen, impulsgesteuerten Reaktionen vor sich geht, lassen sich diese Ausbrüche auch nicht mildern und kontrollieren. Und ohne Bewusstsein für sich selbst als Person und die Ursachen genauso wenig. Man fällt immer wieder in die gleichen Fallen. Bei Borderlinern sieht das so aus: Von himmelhochjauchzenden Höhen in tiefe schwarze Löcher, in denen man dann erstarrt und sich völlig fremd fühlt.
Verdrängung
Besonders als Mann neigt man zum Verdrängen und Funktionieren. Für viele ist das wie eingebrannt, sei es durch Prägung, Gene, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Druck oder Erfahrungslernen. Und über Gefühle redet „Mann“ sowieso nicht gern. Mit Verdrängung gepaart ist oft ablenkendes Verhalten und der Griff nach Ventilen. Alkohol und Drogen gehören auch dazu. Und im gleichen Zuge fängt man an, Rollen zu spielen, zu täuschen, weil man ja weiter funktionieren muss, will oder soll. Irgendwann platzt die Bombe, vor allem dann, wenn der Körper ebenfalls streikt. So war es auch bei Mac. Ein Bandenscheibenvorfall im letzten Herbst ließ ihn wieder böse zurückfallen.
Kategorisierung
Bei Männern äußert sich diese Störung so, bei Frauen meistens so und so. Aber ist das wirklich immer so? Auch darauf will Mac aufmerksam machen. Zu oft wurde er schon in der Notaufnahme des BKH abgewiesen, weil seine Symptome nicht zur Problematik passen würden, oder für „nicht therapierbar“ erklärt. Aber was steckt eigentlich hinter einem bestimmten Verhalten, hinter Worten und Taten, wenn sich Störungen mischen? Wenn zum Katastrophieren und Dramatisieren noch eine Angst vor Menschen, Geräuschen und anderen äußeren Reizen dazu kommt? Wenn tief in einem hochsensiblen, immer funktionieren wollendem Mann, der gerne viel redet, ein schlimmes Trauma schlummert? Ist das immer so eindeutig einer bestimmten Störung zuordenbar?
Wie? Der soll selbstmordgefährdet sein und dabei sitzt er hier und kann lachen? Dieser Mann, Mac, ist so. Er hat gelernt, Rollen zu spielen, zu lachen, auch wenn es ihm nicht zum Lachen ist. Und da rum passt Mac auch bezüglich der Borderline-Symptomatik nicht genau in die Männerschublade. Oft reagiert er eher „frauentypisch“: Dazu gehören Selbstverletzung, viel Reden – auch über Gefühle – und gewaltlose Wutausbrüche. Zum Glück gibt es Fachkliniken, die sich auch intensiv mit männlichen Borderline-Patienten befassen, wie zum Beispiel in Mannheim und Hamburg.
Finanzierung & Nachsorge
Nachdem Mac vor zwei Jahren in einer Hamburger Klinik an einer speziellen Borderline-Therapie für Suchtkranke teilnehmen konnte, ging es ihm viel besser. Die Therapie nennt sich „Dialektisch Behavoriale Therapie Sucht“ – kurz DBT-S. Zum ersten Mal fühlte er sich verstanden und wahrgenommen. Doch nach einigen Wochen zuhause in Kempten kam wieder das Gefühl der Verlassenheit und Hilflosigkeit auf. Es fehlte an professioneller Nachsorge. In einer Großstadt gibt es zwar mehr Angebote, mehr Gruppen unter fachlicher Betreuung – aber als Mensch mit einer Sozialphobie und einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sowie als Mensch mit beschränkten finanziellen Mitteln nutzt auch das nicht viel. Das Problem liegt unter anderem in der Anerkennung einer psychischen Erkrankung als Behinderung oder einer Pflegestufe, was dann wiederum finanzielle und soziale Hilfeleistungen zur Folge hätte, beispielsweise in Form von Fahrkostenerstattungen, ehrenamtlichen Begleitern oder eines PTBS-Hundes.
Lösungen, (Aus-)Wege
Angebote suchen, finden, ausschöpfen
Oft haben psychisch Kranke wenige bis gar keine vertrauten Personen in ihrem Umfeld. Doch das ist sehr wichtig, um „ins Tun zu kommen“. Die obige Anführung der Problematiken zeigt deutlich, wie wichtig Recherche und Informationen sind. Welche Möglichkeiten gibt es in meiner Stadt? Welche Anlaufstellen, Gruppen, Therapeuten, die zu mir passen? Welche Therapiemöglichkeiten und Programme? Gemeinsam mit seiner einzigen Freundin Arabelle Gleich macht Mac sich stetig auf die Suche nach Lösungsansätzen.
Auch hier will er Mut machen, nicht aufzugeben und auch kreativ mit der Problematik umzugehen. Es sei enorm wichtig, sich „kleine Oasen“ für die persönlichen Bedürfnisse selbst zusammenzustellen und aktiv zu bleiben. So versucht Mac Aaron Kessler sich im wahrsten Sinne des Wortes über Wasser zu halten. Da ihn jedoch viele Demütigungen und Kränkungen aus seiner von Gewalt und Missbrauch geprägten Kindheit und Jugend immer noch quälen, will er noch einmal die Kraft für einen Klinikaufenthalt aufbringen. Langfristige Besserung erhofft er sich nun von einer Therapie im Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.
3 Fragen an...
Mac Aaron Kessler
- Was sind für dich zusammengefasst die größten Herausforderung auf dem Weg zu einem lebenswerten Leben?
Mein Geschlecht, die „typisierte“ Borderline-Persönlichkeitsstörung, die Diagnostik nach vorhandenen Schemata und die Suche nach wertschätzenden, individuellen Therapien. Es gibt einfach nicht genügend fachliche Einrichtungen, die wirklich eine personalisierte „Lotsenfunktion“ übernehmen. Ein weiterer Schwachpunkt ist die Nachsorge und Weiterbehandlung in kleinen Städten. Aber ich kann es mir schlichtweg nicht leisten, in einer Großstadt wie München, Stuttgart, Frankfurt oder Hamburg zu leben. Ich bin sehr froh, dass es immer mehr psychiatrische Fachkliniken gibt, die die Borderline-Störung bei Männern wahrnehmen und von der starren Zuordnung der Symptome abkommen. Denn diese erweist sich als sehr hinderlich für die Betroffenen. Bislang gibt es viel mehr Frauen mit der Diagnose BPS: 80 % Frauen, 20 % Männer. Tatsache ist, dass viele Männer nicht in der Klinik, sondern im Gefängnis landen.
- Wie arrangierst du dich im Moment mit deinen Störungen?
Wie bewältigst du den Alltag?
Zusammen mit meiner Vertrauensperson Arabelle Gleich versuche ich, mir eine Woche mit festen Terminen, sogenannten Ankerpunkten, aufzubauen. Das gibt meinem Leben einen gewissen Halt und Rhythmus. In Kempten habe ich beispielsweise seit 2025 Kontakt zu einem Kleinanbieter von Ambulant Betreutem Wohnen (ABW). Die persönliche und familiäre Atmosphäre dort haben mir sehr geholfen, mein Misstrauen zu überwinden. Mehrmals im Monat kommt ein sozialpädagogischer Mitarbeiter vorbei und begleitet mich bei einem Spaziergang. Denn auch Rausgehen ist ein Problem. Eine weitere Wohltat ist die Gestalttherapie in einer ergotherapeutischen Praxis und die beratenden Gespräche bei einem Diplom-Psychologen. Trotz meiner Sozialphobie habe ich einen großen Drang zu reden, mich auszutauschen und aufzuklären. Deswegen richte ich mich seit einiger Zeit immer wieder an Zeitungen, auch an große wie die Süddeutsche, um vor allem betroffene Männer anzusprechen und mitzuteilen: „Hey, du bist nicht allein. Und es gibt ganz verschiedene Ausprägungen deiner psychischen Störung. Du bist es wert, gesehen, gehört und ernst genommen zu werden, genau so, wie du bist.“
- Wie soll es in Zukunft weitergehen?
Nach meinem Klinikaufenthalt möchte ich versuchen, in Richtung Beratung und Coaching umzuschulen, um andere Betroffene zu unterstützen, weiter Aufklärungsarbeit zu leisten und quasi als „Lotse“ zu arbeiten. Mein Erfahrungs- und Informationsschatz ist inzwischen sehr groß. Den möchte ich nicht begraben, sondern Gutes damit tun.
Text: Heike Stix; Fotos, Zeichnungen: Mac Aaron Kessler
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