Kathrin Socher hat den Dorfladen in Wengen wiederbelebt und zum Treffpunkt des Dorfes gemacht. Gerade hat sie das einjährige Bestehen gefeiert – mit einer ordentlichen Party.
Es ist stockdunkel, morgens um viertel vor sechs im Pfarrdorf Wengen, eine gute Viertelstunde westlich von Kempten. Kathrin Socher schließt ihren Laden in der Lindauer Straße auf, knipst das Licht an und schiebt einen Laib Leberkäs in den Backofen. „Der braucht 70 Minuten, bis er fertig ist,“ erklärt sie und wischt sich den Schlaf aus den Augen. Und es sind noch genau 70 Minuten, bis die ersten Kunden im Laden stehen… und eine Leberkässemmel bestellen. Auch wenn sie dafür früh raus muss – solchen Wünschen kommt Kathrin Socher gerne nach, sie orientiert sich an den Bedürfnissen und Vorschlägen ihrer Kundschaft.
Gegen das Ladensterben
Seit einem Jahr betreibt die 43-Jährige den Laden im 450-Einwohner-Dorf zwischen Kempten und Isny. Ihre Vorgängerin hatte ihn altershalber aufgegeben, Wengen drohte ein weiteres Beispiel für das bundesweite Sterben der kleinen Dorfläden zu werden. Fatal v. a. für ältere Menschen: Die nächsten Einkaufsmöglichkeiten sind rund zehn Kilometer entfernt, die Busverbindungen sind mehr als unbefriedigend, ohne Auto geht nichts. Seit Kathrin den Laden schmeißt, kommen die Senioren und andere weniger mobile Wegener zuhauf: „Für die ist das wie ein Ausflug, den sie zu Fuß machen können, sie treffen sich bei mir, trinken Kaffee, ratschen und wissen dann, was los ist bei uns im Dorf“, freut sie sich.
Auch die Jüngeren haben den Laden als neuen Treffpunkt entdeckt: Socher bietet Weißwurstfrühstück, Weinverkostungen oder Sundowner an. „Im Sommer läuft das wahnsinnig gut, die Leut hocken gemütlich bei mir vorm Laden, manche holen sich ihr Feierabendbier und bleiben hängen, jeder quatscht mit jedem, einfach herrlich!“ Für den Sommer plant sie, einen Pavillon aufzustellen, dann ist das neue Wegener Dorfleben nicht mehr so wetterabhängig wie bisher. Socher ist offensichtlich glücklich: „Ich bekomme eine Megaresonanz, das ganze Dorf macht mit!“
Modern und hochwertig
Das war nicht unbedingt zu erwarten, als die gelernte Industriekauffrau den Laden übernahm. Doch die zweifache Mutter wollte es wissen, beschloss Frische und Stil ins Dorf zu bringen. Die Einrichtung im angesagten Oliv, außen klar gebrandet, eine ganze Wand für ausgesuchte Weine, dazu höchste Qualität bei Gewürzen, täglich frische Wurst- und Backwaren – der neue Laden strahlt Moderne aus. Zum Thema Preise sagt Socher: „Die Mär vom überteuerten Dorfladen ist von gestern! Ich orientiere mich am Preisniveau der nächstgelegenen Supermärkte in Weitnau oder Isny.“ Reich wird sie damit nicht, aber im ersten Jahr schreibt sie eine schwarze Null, das ist mehr als bei anderen ähnlichen Projekten.
Donnerstags hat der Dorfladen geschlossen, da ist Socher im Homeoffice: „Das muss sein, sonst schafft man das nicht“, sagt sie. Mehrere Frauen aus dem Dorf helfen ihr, viele weitere stehen auf der Warteliste. Nach Jahren in den USA und Australien und bei renommierten Allgäuer Unternehmen ist Kathrin Socher offensichtlich angekommen, im kleinen Pfarrdorf zwischen Sonneck und Adelegg. Am 11. April hat sie das mit hunderten Gästen in der Dorfhalle Wengen gefeiert. Die Gruppe „Swingbugs“ und DJane Bettina sorgten dafür, dass die Stimmung schnell aufs höchste Niveau stieg. Und Gastgeberin Kathrin im weißen Glitzer-Jackett kam aus dem Strahlen gar nicht mehr heraus: „Auf ins zweite Jahr unseres Dorfladens!“
Text und Fotos: Lutz Bäucker

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