DAS KEMPTENER STADTMAGAZIN

Diskussion um Windkraftanlagen in Weitnau

 

Vom Winde verweht

Der Ausbau der Windenergie hat grundsätzlich viele Fans – doch wenn es darum geht, sich Windräder in der eigenen Nachbarschaft vorzustellen, scheiden sich die Geister. Während im südlichen Oberallgäu keine Windkraftanlagen geplant sind, sieht das im Allgäuer Voralpengebiet rund um Weitnau anders aus. Eine neue Studie hat dort Touristen befragt – und das 0831 zeigt die Argumente beider Seiten, wie es sich für ordentlichen Journalismus gehört.

„Stellt euch das mal vor!“ Ein Bürger aus dem Weitnauer Teilort Kleinweiler streckt seinen Arm weit nach oben: „So hoch stehen die Dinger über uns, vier- bis fünfhundert Meter über unseren Köpfen, da oben auf unseren Bergen – das ist eine Katastrophe!“ Die Stimme des Mannes überschlägt sich fast, sein Gesicht ist gerötet: „Da müssen wir was machen, sonst geht hier alles kaputt!“

 

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456 Gäste befragt

Pressekonferenz im edlen Golf- und Wellnesshotel „Hanuselhof“ in Hellengerst. Die Bürgerinitiative „Weitblick“ hat eingeladen, um eine aktuelle Umfrage unter Allgäu-Reisenden zu präsentieren. Thema: „Einfluss von Windkraftanlagen auf den Tourismus im Allgäu“. Das renommierte Marktforschungsinstitut „Eumara“ hat seit Oktober 2025 exakt 456 aktuelle und ehemalige Gäste befragt, die in der Region Weitnau-Waltenhofen-Missen Urlaub gemacht haben. Eumara wollte wissen, inwieweit sie ihre Urlaubsort-Entscheidung vom Vorhandensein sichtbarer Windkraftanlagen abhängig machen. 

Die Befragung war von der seit 2012 existierenden Bürgerinitiative in Auftrag gegeben worden, um belastbare Zahlen für ihre Kritik am Vorhaben des „Regionalen Planungsverbands Allgäu“ (RPV) zu erhalten. Dieser sieht eine Konzentration von Windkraftanlagen im Gebiet von Weitnau, Waltenhofen und Missen vor.

Eumara-Vorstand Dirk Laumann informierte, dass sich die Befragten generell positiv zum Ausbau erneuerbarer Energien geäußert hätten und auch eine Energiewende im Allgäu befürworteten. Wenn es allerdings um diese Region als bevorzugtes Urlaubsziel gehe, werde die Errichtung von Windkraftanlagen (WKA) kritisch gesehen. „Sie beeinträchtigen das Landschaftsbild, produzieren störende Geräusche und mindern die Attraktivität der Natur“, so Laumann. „Gut die Hälfte der Befragten verneint die Vereinbarkeit von WKA und naturnahem, entspanntem Urlaub.“

 

Urlaubsswitch als Gefahr

46 Prozent würden wegen der modernen Windmühlen sogar das Allgäu meiden und sich einen anderen Urlaubsort suchesogenannte Urlaubsswitch ist eine niedrige Hürde. Er ist schnell zu vollziehen und stellt für den Tourismus in der Region ein ernstzunehmendes Risiko dar“, stellte der Marktforscher nüchtern fest. Ein Ergebnis, das im Allgäuer Voralpengebiet rund um Weitnau die Alarmglocken schrillen lässt. „Der Tourismus ist neben Gewerbe und Landwirtschaft längst zum dritten Pfeiler unserer Wirtschaft geworden“, sagte Bürgermeister Florian Schmid. „Ihn durch unserer Meinung nach völlig realitätsferne Pläne zu gefährden, ist nicht hinnehmbar.“ 

Schon vor Jahresfrist hatte eine Expertenanhörung in Weitnau gezeigt, dass die mögliche Errichtung von bis zu 250 Meter hohen Windrotoren die labile Geologie der umgebenden Höhenzüge buchstäblich ins Rutschen bringen könnte – es sei mit mehr Murenabgängen, Überschwemmungen und weiteren Störungen zu rechnen. Anwesende Bürger zeigten sich in Hellengerst besorgt, von Windkraftanlagen geradezu „umzingelt“ zu werden: Auf den etwa 1.000 Meter hohen Bergen wäre mit zusätzlich 250 Meter hoch aufragenden Windmühlen zu rechnen.

Martin Stanscheit, Sprecher der spendenfinanzierten Initiative „Weitblick“, rechnete mögliche wirtschaftliche Verluste vor. „Wenn 46 Prozent unserer Urlauber uns meiden, macht das bei einem touristischen Bruttoumsatz von ca. 43,5 Millionen Euro im Jahr 2024 summa summarum ein Minus von 24 Millionen Euro bei der jährlichen Wertschöpfung aus.“ Stanscheit erwartet bei Realisierung der RPV-Pläne eine „Go south!“-Bewegung der Gäste aus dem Voralpengebiet: „Im südlichen Oberallgäu liegt ein WKA-Ausschlussgebiet, dort muss niemand Sorge haben, seinen Urlaub Aug in Aug mit riesigen Windanlagen verbringen zu müssen.“

 

Stellungnahme des RPV

Inwieweit sich der zuständige Planungsverband von den neuen Erkenntnissen und Kritiken beeinflussen lässt, ist offen. „Wir haben Vertreter des von den Kommunen getragenen RPV bereits vor einem Jahr zu einem Ortstermin auf unseren Höhenzügen eingeladen“, sagt Florian Schmid, „seitdem hat niemand darauf reagiert.“ Das 0831 hat eine Einschätzung und Stellungnahme von RPVGeschäftsführerin Irene Marquart zu diesem Thema erhalten:

„Der Bundesgesetzgeber hat mit dem Windenergieflächenbedarfsgesetz vorgegeben, dass jedes Bundesland Flächenbeitragswerte zu erreichen hat, die für Bayern 1,1 Prozent der Regionsfläche bis Ende 2027 und 1,8 Prozent bis Ende 2032 betragen. Für die Region Allgäu sieht das Bayer. Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie beim zweiten Teilflächenziel bis 2032 nach derzeitigem Sachstand 1,4 Prozent der Regionsfläche als realistische Flächenvorgabe an Raumordnung und Regionalplanung. 

Ziel des RPV Allgäu ist, diese 1,4 Prozent zu erreichen, da er nur dann seine Möglichkeiten ausschöpft, die Errichtung von überörtlich raumbedeutsamen Windenergieanlagen (WEA) regionsweit zu steuern und so eine „Verspargelung“ der Landschaft mit individuell genehmigten Einzelanlagen möglichst zu vermeiden. Wenn der RPV Allgäu das vorgegebene Teilflächenziel erreicht, sind überörtlich raumbedeutsame WEA de facto nur noch in den Vorranggebieten oder gegebenenfalls in von Gemeinden zusätzlich ausgewiesenen Sondergebieten möglich. Erreicht der RPV Allgäu hingegen die vorgegebenen Teilflächenziele nicht, so gelten WEA in der gesamten Region Allgäu als privilegierte Vorhaben im Außenbereich. Das bedeutet, sie könnten dann – auch gegen den Willen einer Gemeinde – überall in der Region verwirklicht werden. Voraussetzung wäre lediglich, dass ein Investor entsprechende Standorte findet.

Der RPV Allgäu hat sich an einen regionsweit einheitlichen Kriterienkatalog gehalten. Nach diesem Katalog wurden jene Flächen identifiziert, die aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht für die Nutzung der Windenergie zur Verfügung stehen oder die sich nach einheitlichen objektiven Kriterien überhaupt nicht eignen. Nach Abzug der Flächen, die nach diesem Katalog entfallen, kann der für die Region Allgäu formulierte Flächenbeitragswert von 1,4 Prozent der Regionsfläche gerade so erreicht werden. Aus naturräumlichen und siedlungsstrukturellen Gründen konzentrieren sich die Vorranggebiete stark im nördlichen Landkreis Ostallgäu. 

Tourismus ist ein Belang, der im Rahmen der regionalplanerischen Abwägung zu behandeln sein wird. Jedoch hat der Gesetzgeber mit § 2 Abs. 1 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes festgelegt, dass die Errichtung und der Betrieb von Anlagen sowie den dazugehörigen Nebenanlagen im überragenden öffentlichen Interesse liegen und der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit dienen. Was die neue Studie betrifft, weisen wir darauf hin, dass es auch Studien gibt, die keinen signifikant negativen Effekt von Windenergieanlagen auf den Tourismus gefunden haben. Studien, die einen negativen Zusammenhang gefunden haben, basieren auf Stichprobenerhebungen, die lediglich für bestimmte Regionen und Zielgruppen repräsentativ und aussagekräftig sind.“

 

 Text: Lutz Bäucker