Seit bekannt wurde, dass Paraklettern in den Wettkampf-Katalog der paralympischen Sommerspiele in Los Angeles 2028 aufgenommen ist, erlebt die Sportart verstärkte Aufmerksamkeit. Die Kemptenerin Carolin Heberle, die gute Chancen hat in L.A. mit von der Partie zu sein, hofft, dass das auch für die Deutsche Meisterschaft am 02. Mai in Kempten gilt. Im Interview hat sie dem 0831 ihre Klettergeschichte erzählt.
Was ist dein Ziel für L.A. 2028?
Ins Finale zu kommen. Das wäre richtig cool. Noch ist unklar, wie der Wettkampf überhaupt aufgebaut sein wird. Klar ist aber, dass es hart werden wird, dieses Ziel zu erreichen. Theoretisch bin ich im World Ranking derzeit auf Platz vier – aber das ist für den paralympischen Wettkampf pure Theorie, da kann jede einzelne Sportlerin über sich hinauswachsen. Neben meinem persönlichen Traum – der Finalteilnahme – gibt es ein gemeinsames Ziel der Parakletter-Community: eine richtig gute Show machen.
Was bedeutete es für dich und die gesamte Parakletterszene, dass der Sport jetzt paralympisch ist?
Eine Parasportart darf sich erst um die Paralympics bewerben, wenn die „normale Variante“ schon zweimal Teil der Olympischen Spiele war. Klettern war in Tokio und Paris dabei, so dass L.A. 2028 die erste Chance fürs Paraklettern war. Allerdings nicht als gesetzter Programmsport, sondern als sogenannter Additional Sport „auf Probe“. Beworben hatten sich die Surfer und die Kletterer – und wir waren mächtig überrascht, dass Paraklettern sich durch gesetzt hat. Kehrseite der Medaille: Es wurden nur die Wettkampfklassen mit gut sichtbaren Handicaps ausgewählt, denn die verkaufen sich besser. Das birgt die Ge fahr, die Paraclimbing-Community in zwei Gruppen zu spalten.
Was zeichnet die Parakletterszene aus?
Wir sind eine Familie. Es gibt wenig Neid und viel Support. Wir unterstützen uns mit Tipps, inspirieren uns mit kreativen Lösungen oder tragen uns auch mal gegenseitig den Rucksack, wenn wieder jemand Rückenschmerzen wegen der Dysbalancen hat, die unsere Behinderung mit sich bringt. Ich sehe die anderen Frauen in meiner Wettkampfklasse nicht als Konkurrentinnen, sondern einfach als „meine Mädels“. Sie sind die Frauen auf der Welt, die mir am ähnlichsten sind.
Hast du Vorbilder?
Ich bewundere die fünffache Weltmeisterin Solenne Piret aus Frankreich. Sie klettert wie vom anderen Stern, für mich unerreichbar. Ihr Stil ist technisch perfekt wunderschön, sie ist eine Ballerina an der Wand. Und sie hat den perfekten Unterarm, halblang, sichelförmig – damit kommt sie in Griffe, von denen ich nur träumen kann.
Was sind deine ganz individuellen Herausforderungen?
Zunächst mal der sehr kurze Unterarm. Meine Wettkampfklasse reicht von „kein vollständiges Handgelenk vorhanden“ bis zu „vollständiger Ellenbogen noch vorhanden“. Ich besitze 5,5 cm Unterarm – das ist eigentlich nur ein Ellbogen. Viele mit einem längeren Arm können den Fuß zum Arm stellen. Vielleicht schaffe ich das mit viel Mobility-Training irgendwann auch, aber es ist ungleich schwerer. Zweites Extra: Mir rollt es meine Haut über den Knochen weg, was bedeutet, dass es in der Ellenbeuge eigentlich nur ein paar Millimeter Fläche gibt, auf der ich tatsächlich Halt habe. Ich versuche das mit einer Art „Armschuh“ zu kompensieren. Und als dritten Jackpot habe ich eine chronische Erkrankung in Form einer hochfrequenten Migräne gezogen.
Du bist Teil des deutschen Paralympics-Teams, hast 2024 Bronze bei den Europameisterschaften gewonnen, willst in L.A. ins Finale. Welche Bedeutung hat das Klettern in deinem Leben?
Im Hinblick auf L.A. habe ich mich selbst gefragt: Wie weit geht meine Ambition? Ich habe überlegt, ob ich drei Jahre lang meine Freizeit vernachlässigen und bei 33 Grad nicht am Badesee, sondern in der Kletterhalle sein will. Schließlich habe ich beschlossen, dass es keinen großen Unterschied macht, ob ich 20 Mal mehr oder weniger am See war, sehr wohl aber, ob ich 20 Mal mehr Trainieren gegangen bin. So eine Chance kommt nicht wieder, deshalb mache ich jetzt ein paar Jahre lang etwas Beklopptes und trainiere für die Paralympics.
Wie bist du zum Paraklettern gekommen?
Mein Sport war das Joggen, bis mich ein Ex-Freund 2018 mit zum Bouldern genommen hat. Richtig intensiv betrieben habe ich den Sport dann zusammen mit einer Freundin in Corona-Zeiten als Alternative zum geschlossenen Fitnessstudio. Irgendwann hat mir mein Instagram-Algorithmus das Profil einer einarmigen Kletterin aus Großbritannien vorgeschlagen, das ich fasziniert durchforstet habe. Der nächste Vorschlag war eine Einhändige in München, die Kontakt mit mir aufnahm. Sie hat mich 2022 vom Bouldern zum Klettern gebracht, indem sie mich zu einer ersten Wettkampfteilnahme überredet hat – wofür ich erstmal lernen musste, wie man einarmig sichert.
Was wünschst du dir für die Deutsche Meisterschaft am 02. Mai?
In meiner Wettkampfklasse waren wir letztes Jahr nur zwei Starterinnen, Corinna Wimmer und ich. Cori klettert und bouldert schon seit mehr als 15 Jahren, weshalb es mich erstaunt, dass ich einigermaßen mithalten kann. Mein Vorteil ist im Überhang, da habe ich irgendwie mehr Power. Letztes Jahr hat Cori gewonnen, dieses Jahr habe ich den Heimvorteil. Wäre schon cool, wenn ich den nutzen könnte…
Deutschlands Kletterelite im Swoboda Alpin
Deutsche Meisterschaft in Kempten! Wenn das kein Ansporn ist, sich mal eine Sportart anzuschauen, die man sonst vielleicht nicht so auf dem Radar hat… Am 02. Mai besteht diese Chance fürs Para klettern im DAV-Kletterzentrum Swoboda Alpin. Vorbeischauen lohnt sich – auch, weil mit Carolin Heberle eine Lokalmatadorin aus Kempten echte Siegchancen hat.
Bei der offenen Deutschen Meisterschaft Para 2026 werden nicht nur die besten nationalen Starterinnen und Starter erwartet, sondern auch die stärksten Kletternden aus den angrenzenden Nationen. Denn der Wettkampf ist für die kontinentale Szene eine gute Möglichkeit zum Leistungsvergleich vor den ersten offiziellen Weltcups der Saison.
Damit ein deutscher Meistertitel vergeben werden kann, müssen in einer Klasse mindestens zwei deutsche Athlet: innen starten. Um die Leistungen der Kletternden mit Beeinträchtigung so fair und objektiv wie möglich zu vergleichen, gibt es verschiedene Startklassen, die Art und Grad der Einschränkung definieren (B = Sehbehinderung, AL = Beinamputation, AU = Armamputation, RP = neurologische Beeinträchtigung).
Alle Routen werden mit Toprope-Sicherung geklettert. Insgesamt gibt‘s vier Qualifikationsrouten und drei Finalrouten. Pro Klasse werden zwei davon im Flash-Format geklettert – das bedeutet, dass die Kletternden die Route vorab kennen. Die besten von ihnen ziehen ins Finale ein, das im Onsight-Modus ausgetragen wird – also mit einer nur sechsminütigen gemeinsamen Besichtigung. Die Wertung erfolgt nach Höhe: Wer am weitesten nach oben klettert, gewinnt.
Text: Anke Roser, Foto: Slobodan Miskovic

- Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können