Graffiti und Streetart sind eigenständige Kunstrichtungen, die viel Geschick, Erfahrung und Talent erfordern. Das klassische Graffiti basiert auf stilisierten Buchstaben und dem eigenen Namen, während Streetart figurative Bilder, Botschaften und
vielfältige Techniken nutzt. Aber: Wer großformatige Werke erschaffen möchte, braucht die passenden Gelegenheiten.
Graffiti & Streetart
Besonders geeignet sind Außenwände von Gebäuden, Wände in Innenhöfen oder Rückwände von Garagen. Diese können nur im Rahmen von Auftragsarbeiten legal besprüht und bemalt werden. Auch sogenannte „Lost Places“, verlassene Orte, üben eine besondere Anziehungskraft aus. In Kempten gibt es seit 2020 vier legale Spots, sogenannte Legal Walls, die frei gestaltet werden dürfen. Sie befinden sich allesamt in Unterführungen, wo sich riesige Drachen, Blumen, Fantasiefiguren, Gesichter und Botschaften aneinanderreihen. Gefühlvoll, dezent, plakativ – die Motive sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie erschaffen haben. Zu finden sind sie auf einer Karte, in der legale Graffiti-Wände aus aller Welt eingetragen sind. Alle paar Wochen finden Events statt, an denen die „alten“ Werke übersprüht, übermalt und überklebt werden. Dort ist Kunst im Fluss.
Kunst braucht Support
Michael Rost ist Rentner und leidenschaftlicher Streetart-Fotograf. Er dokumentiert die Szene in Kempten und macht sie sichtbar. Seine Ausstellung „Kempten Streetarts“ war 2025 in der Galerie artig zu sehen. Raphael Weber von Pfefferminzfilm und Schaufenster 11 in Kempten versteht sich als Vermittler zwischen Kunstschaffenden und Auftraggebenden. Der Sportwissenschaftler, Foto- und Videograf stellt die Räume in der Memminger Straße 11 einer kreativen Community kostenlos als Treffpunkt zur Verfügung und lädt die Öffentlichkeit für Auseinandersetzung und Dialoge ein. So entstehen Perspektivenwechsel, neue Impulse und mehr gegenseitiges Verständnis. Im Sommer 2026 entstanden innerhalb von sechs Wochen fünf Ausstellungen zu den Themen Graffiti und Streetart:
„Graffiti ist ein wichtiger Teil urbaner Kultur - eine Subkultur, die dort entsteht, wo Menschen das Bedürfnis haben, sich auszudrücken, gesehen zu werden oder ihren eigenen Platz in einer Gesellschaft zu finden. Genau deshalb lohnt es sich, hinzuschauen, bevor man urteilt. Wir glauben, dass eine lebendige Stadt nicht nur von ihren offiziellen Kulturangeboten lebt, sondern genauso von den Szenen, die im Hintergrund entstehen - dort, wo Menschen ihre Leidenschaft entwickeln, sich gegenseitig inspirieren und Kultur von unten wachsen lassen.“
Zwei Künstler der Kemptener Graffiti- und Streetart-Szene geben Einblicke in ihre Kunst und berichten, wohin ihre
Reise gehen soll.
Goblin One…
… oder Letterheaad absolvierte einen Teil einer Ausbildung zum Mediengestalter und arbeitet heute als Maler in Kempten. Während seiner Ausbildungszeit lernte er Graffiti-Künstler kennen – seitdem ist er Feuer und Flamme für diese Kunstform. Seine Ideen sammelt er in Skizzenbüchern. Und er liebt Schriftzüge – daher auch sein Künstlername. Graffiti-technisch ist er vor allem in Kempten aktiv, wo er für seine markanten Charaktere und Styles bekannt ist und Workshops anbietet. Bei einem Live-Auftritt im Schaufenster 11 in Kempten im Juli dieses Jahres erklärt er seine Vorgehensweise und einige Aspekte zur Technik:
„Zunächst fotografiere ich die Gestaltungsfläche – hier die Rückwand des Hauses. Anschließend fertige ich eine Skizze an und übertrage sie mithilfe eines Zeichenprogramms auf das Foto. So bekomme ich einen guten Eindruck davon, wie das Motiv auf der Fläche wirkt, wie es platziert werden sollte und welche Farben am besten zur Umgebung passen. Vor Ort beginne ich mit den Umrissen. Danach folgen die Flächen, anschließend die Farbübergänge, Schatten und erst am Schluss die Outlines (Konturen), Highlights sowie Details. Die machen ein Bild noch lebendiger.
An meine Skizze halte ich mich nicht immer. Ich lasse mich auch von der Stimmung und der Umgebung vor Ort inspirieren. Wichtig für die Umsetzung sind die verschiedenen Sprühköpfe: Es gibt zahlreiche Varianten für große Flächen, breite Linien oder feine Striche.Graffiti ist für mich mehr als nur Farbe auf einer Wand. Es ist Ausdruck, Freiheit und Leidenschaft – und es begleitet mich schon einen großen Teil meines Lebens. Mit jedem Piece erzähle ich eine Geschichte und versuche, etwas zu schaffen, das Menschen berührt oder zum Nachdenken anregt.“
Def-Notes…
… ist Dennis Fauter. Er ist Autodidakt und stammt ursprünglich aus Kempten. Heute lebt er bei Frankfurt und ist mit seinen 27 Jahren bereits über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. In der Schweiz, Portugal und Spanien können seine großformatigen Werke bewundert werden. Kürzlich hat er im Kemptener Wohngebiet Halden ein Auftragsbild auf die Rückwand einer Garage gezaubert. Seine Murals (Wandbilder) verwandeln städtische Flächen in visuelle Erlebnisse, suchen den Dialog mit den Betrachtenden und greifen den Charakter eines Ortes auf. Häufig arbeitet er dabei mit anderen Streetart-Künstler:innen zusammen.
„Mein Fokus liegt heute auf großflächigen Wandarbeiten, die ich mit Sprühdose, Farbroller und Pinsel umsetze. So werden meine Visionen lebendig und ich kann Räume nachhaltig prägen. Meine Kunst führte mich bisher in verschiedene Länder und Städte. Mir ist es wichtig, kulturelle Vielfalt, individuelle Geschichten, Emotionen, Eindrücke aus der Natur, Begegnungen mit Menschen und gesellschaftliche Kritik in meine Arbeiten einfließen zu lassen – und zwar auf eine dezente Weise. Dabei verbinden sich Elemente des Realismus und des Surrealismus. Ich verstehe Kunst nicht nur als dekoratives Element, sondern als Medium der Kommunikation. Meine Wandbilder laden die Betrachtenden ein, genauer hinzusehen, neue Perspektiven einzunehmen und Kunst als verbindende Kraft im Alltag zu erleben. Ich wünsche mir, dass meine Reise noch lange nicht zu Ende ist. Ich möchte noch viele neue Orte und Menschen kennenlernen und meine künstlerische Sprache stetig weiterentwickeln.“
Legale Graffiti-Flächen im Stadtgebiet
- Bahnhof-Unterführung
- Unterführung Jerg-Rist-Weg
- Unterführung Lindauer Straße / Heussring
- Pfeilergraben (Streetart)
Text: Heike Stix, Fotos: HiX, RiffRaff002
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