Die Gesichter sind leer und angestrengt zugleich. Ein älterer Herr, der noch recht sportlich aussieht, versucht ein Glas zum Mund zu führen – und vergisst unterwegs, in welche Richtung er sich bewegen wollte. Eine ebenfalls noch sehr rüstig aussehende Dame antwortet engagiert auf die Fragen der Betreuerinnen – doch es sind nur oberflächliche Floskeln, die immer passen: Im „Kaffee Konfetti“ treffen sich Menschen, die an Demenz erkrankt sind.
Das dreistündige Betreuungsangebot im „Café Konfetti“ ist eine von zahlreichen Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene und deren Angehörige, welche die Fachstelle für pflegende Angehörige der Caritas Kempten-Oberallgäu anbietet. Denn eine Demenzerkrankung lässt sich kaum alleine stemmen. Nach der Diagnose – die längst nicht nur sehr alte Menschen trifft – stehen jede Menge Fragen: Therapieoptionen, Krankheitsverlauf, Unterstützungsmöglichkeiten – und das Bedürfnis nach jemandem, der zuhört und Ahnung hat. Auch die Akzeptanz ist wichtig, das Begreifen seitens der Betroffenen, was mit ihnen ist und seitens der Angehörigen, dass Vergesslichkeiten, Forderungen in Dauerschleife, Verwirrtheit und Überforderung keine Absicht sind. Genauso wenig wie das Verdrehen von Tatsachen. Im Umgang mit Betroffenen gibt es einen zentralen Satz: Ein Mensch mit Demenz hat immer recht. Ihn vom Gegenteil zu überzeugen, ist in der Regel aussichtslos und führt lediglich zu Stress auf allen Seiten.
MAKS – eine wirkungsvolle Therapie
Die Expertinnen der Caritas haben sich zum Ziel gesetzt, derartigen Stress so weit wie möglich zu minimieren. Für die Erkrankten zielt die Förderung bei Angeboten wie dem „Café Konfetti“ darauf ab, das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen. „Wir arbeiten nach dem MAKS-Konzept“, erläutert Anja Meisch von der Fachstelle für pflegende Angehörige. „Das ist eine Abkürzung für motorisch, alltagspraktisch, kognitiv und sozial und wird als Gruppentherapie für Menschen mit leichter bis mittelschwerer Demenz angewendet. Studien zeigen, dass es sich dabei um die wirkungsvollste Form von nichtmedikamentöser Demenz-Therapie handelt.“ Die Treffen in den Betreuungsgruppen laufen immer nach dem gleichen Schema ab: Die fünf bis acht Teilnehmenden sitzen zusammen mit zwei ehrenamtlichen Betreuerinnen und einer Fachkraft am Tisch oder im Stuhlkreis. Zunächst werden alle mit Namen begrüßt – das ist leichter, als wenn die Betroffenen ihre Namen selbst sagen müssten. Sie sollen keine Anspannung aufbauen, nichts leisten müssen und das Gefühl bekommen, dass sie richtig sind, so wie sie sind.
Im Anschluss geht es um den aktuellen Tag: Das Datum wird genannt, der Wochentag, dann gibt es Informationen zu Jahrestagen und historischen Ereignissen. Manchmal triggern solche Informationen Erinnerungen bei jemandem aus der Runde, dann darf erzählt werden. Nach dieser Einleitung folgt der motorische Teil, zunächst in Form eines Begrüßungslieds, bei dem ein Seil gehalten und in verschiedene Richtungen bewegt werden muss. Anschließend stehen leichte Gymnastikeinheiten auf dem Programm, oder auch einfach sensorische Übungen wie das Erfühlen von in Säckchen versteckten Gegenständen. Im kognitiven Teil gibt es Rätsel, Sprichwörter oder kleine Rechenaufgaben, in der Alltagspraxis reicht die Bandbreite vom Bauen eines Vogelhauses bis zum Schnippeln von Wurstsalat. Jeder macht nach seinen individuellen Möglichkeiten mit.
Der Akku darf nicht leer werden
In dieser Zeit können die Angehörigen durchatmen und sich um sich selbst kümmern. „Pflegende Angehörige stehen oft nah am Abgrund, sie opfern sich auf, bis ihr Akku leer ist – und dann hat niemand mehr etwas davon“, sagt Anja Meisch. Die Überforderung rechtzeitig zu bemerken und Unterstützung annehmen zu können – dabei möchten die Caritas-Mitarbeiterinnen helfen. Sie habe jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihren Mann länger allein lasse, auch wenn er gar kein Zeitgefühl mehr habe und Sohn und Schwiegertochter da seien, erzählt eine Frau in der Angehörigengruppe, die sich einmal im Monat trifft. Dass das nicht angebracht ist, dass man nicht in jeder Situation die perfekte Pflege bieten muss, dass man auch an sich selbst denken sollte, diese Erkenntnisse kommen – gefördert von den Expertinnen – meistens im direkten Gespräch der Betroffenen untereinander auf. Das soziale Netz schrumpft oft, wenn jemand an Demenz erkrankt, weil Unterhaltungen und Unternehmungen immer weniger möglich sind. Demenz führt dazu, dass alles vergessen wird, bis hin zu einfachsten kognitiven und motorischen Fähigkeiten. Hierbei begleitend zur Seite zu stehen – das überfordert viele Freundschaften. Umso wichtiger ist es, dass dann neue soziale Kontakte wie die aus der Angehörigengruppe an diese Stelle treten.
Demenz und Hilfe
Informationen zum Thema Demenz: www.deutsche-alzheimer.de
Die Fachstelle für pflegende Angehörige der Caritas Kempten-Oberallgäu begleitet, unterstützt und entlastet pflegende Angehörige unter anderem durch Betreuungsgruppen, Gesprächskreise und Schulungen. Details und Termine:
Text: Anke Roser, Fotos: Anja Meisch, Caritas Kempten
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