Sie ist eine von 630 Mitgliedern des Deutschen Bundestags (MdB), gewählt von den Bürgerinnen und Bürgern der Bundesrepublik Deutschland. Mechthilde Wittmann aus Kempten vertritt den Wahlkreis 256 Oberallgäu-Lindau im Zentrum der Macht, in Berlin. Die 58-Jährige sitzt seit 2021 für die CSU im Bundestag. Wie alle Abgeordneten darf sie dreimal im Jahr interessierte Menschen aus ihrem Wahlkreis zu einer politischen Informationsreise in die Bundeshauptstadt einladen – diesmal war auch das „0831“ mit von der Partie.
Die Programmgestaltung und die Finanzierung solcher Informationsreisen werden vom Bundespresseamt übernommen. Damit sollen Hintergründe und das Verständnis für die politische Arbeit transparent und verständlich gemacht werden. Die Gruppe des „0831“-Reporters bestand aus 40 Frauen und Männern aus Kempten, Sulzberg, Lauben, Obermaiselstein, Bodolz und Lindau. Landwirte, Handwerker, Unternehmer, Banker, Ärzte, Hausfrauen, Lehrer, auch altersmäßig bunt gemischt – und nicht alle haben die CSU gewählt. Aber alle sind neugierig: Was machen die da in Berlin eigentlich so? Warum ist der Bundestag oft so leer? Wie arbeitet ein Ministerium?
Immer unter Zeitdruck
Richard Wucherer, CSU-Ortsvorsitzender und Gemeinderat in Durach, begleitet die Gruppe. Er kennt sich aus in Berlin, ein Jahr lang war er engster persönlicher Mitarbeiter von Wittmann. Er hat den Stress, die politischen Zwänge und Möglichkeiten, das Strippenziehen, den Alltag zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz hautnah miterlebt. „Es war eine große und besondere Herausforderung für mich, man war immer unter Zeitdruck“, berichtet er. Seine Ausführungen sind informativ, aber natürlich erzählt er nicht alles, was ihm in Berlin widerfahren ist. Wenn man einmal so nah dran war am Puls der Macht, ist Loyalität wohl selbstverständlich.
Das spürt man beim ersten Höhepunkt dieser Reise, dem persönlichen Gespräch mit Mechthilde Wittmann im Berliner Reichstag. Mit den Worten „Sorry für die Verspätung“ tritt sie, begleitet von zwei Mitarbeitern, in den Raum und nimmt sich Zeit für Fragen. Als gelernte Bankkauffrau, Betriebswirtin und Juristin vertraut ihr die Fraktion auf vielen Gebieten. Ihre oft scharfzüngige Argumentationsweise macht die gebürtige Münchnerin zu einer Rednerin in der „Abteilung Attacke“. „Ich rede lieber abends als frühmorgens“, gibt sie zu, „morgens bin ich noch nicht so kommunikativ.“ Die 40 Allgäuerinnen und Allgäuer grinsen und stellen Fragen zu den Spritpreisen, zum Wohnungsbau, zur AfD und warum der Bundestag oft so leer ist. Nicht alle Antworten stimmen die Fragenden zufrieden, aber Aug in Aug mit einer Volksvertreterin – das hat schon was.
Der leere Plenarsaal
Die Sache mit dem leeren Plenarsaal beschäftigt viele aus der Gruppe. „Das sieht im Fernsehen immer so aus, als würden die nichts arbeiten und nur ihre schönen Diäten einstreichen“, sagt Richard Wucherer später und klärt auf: „Die Hauptarbeit wird in den Ausschüssen erledigt, dort wird verhandelt, diskutiert, formuliert. Irgendwelche Ausschüsse tagen immer, jedes Mitglied des Bundestages ist in irgendwelchen Gremien tätig, oft in mehreren. Immer im Plenum präsent zu sein, ist also gar nicht möglich.“ Wittmann selbst ist viel unterwegs, zwischen Abgeordnetenbüro und Reichstag, manchmal viele Kilometer am Tag, zu Fuß in unterirdischen Gängen. Die Abgeordneten-Diät in Höhe von 11.833 Euro brutto (plus monatliche steuerfreie Aufwandspauschale von 5.350 Euro) will verdient sein. Dazu gibt’s einen Freifahrschein für Bahnfahrten erster Klasse und kostenlose dienstliche Inlandsflüge. Außerdem können die Abgeordneten in Berlin die Fahrbereitschaft des Bundestags nutzen.
Dichtes Programm
Leicht erschöpft und auch beeindruckt geht’s für uns weiter im Programm: Besuch von Außenminister Johann Wadephul im Auswärtigen Amt (AA) am Werderschen Markt. Eine Dame vermittelt nüchterne Einblicke in die deutsche Diplomatie. Als sie nach persönlichen Erlebnissen in ihrer 25-jährigen Tätigkeit im AA gefragt wird, wird’s spannender für die Allgäuer Gäste: „Meine Flucht aus der Botschaft in Belgrad in den 90er-Jahren im Jugoslawienkrieg, Hals über Kopf im Auto, das war nicht einfach.“ Jemand aus der Gruppe hat geschäftlich mit Südafrika zu tun: „Wie viele Mitarbeiter im AA sind zuständig für Südafrika?“ „Einer“, ist die Antwort.
Mit dieser Erkenntnis besuchen wir Ausstellungen im „Tränenpalast“ am früheren Eisenbahngrenzübergang Friedrichsstraße, in der Prenzlauer Kulturbrauerei (DDR-Alltag mit Honeckers „Rückwärts nimmer, vorwärts immer!“), posieren für ein Foto am „Checkpoint Charlie“, stehen ergriffen im Innenhof des Bendlerblocks, wo die Nationalsozialisten die Verschwörer des 20. Juli 1944 rund um Stauffenberg ermordeten. Schließlich besuchen wir noch die Reste der Berliner Mauer an der weltbekannten Bernauer Straße, wo 1961 verzweifelte Menschen auf der Flucht in den Tod sprangen. Viele Eindrücke prasseln auf uns nieder, sie zu verarbeiten fällt nicht jedem leicht.
Currywurst muss sein
Gott sei Dank gibt’s zwischendrin immer wieder kleine Auszeiten:
die mutmaßlich leckerste Berliner Currywurst am Tiergarten gegenüber dem Brandenburger Tor. Ein Sundowner in der Rooftop-Bar überm Bebelplatz – der Preis dort ist genauso atemberaubend wie das Panorama. Und der abendliche Bummel am Spreeufer, wo man wunderbar „Leute kieken“ kann. Sogar der Heimweg ins Hotel beeindruckt: U-Bahnen und Busse fahren pünktlich und sind sehr sauber. Berlin ist eine Reise wert. Immer.
Wie komme ich mal nach Berlin?
Jede/r Bundestagsabgeordnete kann dreimal im Jahr Besuchergruppen aus ihrem/seinem Wahlkreis nach Berlin einladen. Dafür stellt das Bundespresseamt jedes Jahr mehrere Millionen Euro zur Verfügung. Um in den Genuss dieser politischen Bildung zu kommen, kann sich jede/r Interessierte im Büro seines/seiner Abgeordneten melden und bewerben. Das Interesse ist groß, viel Glück!
Text und Fotos: Lutz Bäucker, Bildrechte Bild Mechthilde Wittmann: Mechthilde Wittmann
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