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Innovationen am Theater in Kempten

Diese 0831-Ausgabe beschäftigt sich an vielen Stellen mit dem Thema „Innovation“. Denn mutig Neues wagen, was ja in dem Wort steckt, ist in allen Bereichen des Lebens möglich. Das Theater in Kempten (T:K) beweist das mit der kommenden Spielzeit mal wieder eindrucksvoll für den kulturellen Sektor. Wir haben mit der Künstlerischen Direktorin des T:K, Silvia Armbruster, im Gespräch herausgearbeitet, wo das Theater überall innovativ ist.

  • Frau Armbruster, nennen Sie uns bitte das innovativste Element des T:K, das Ihnen spontan einfällt.
    Das innovativste Element unseres Theaters ist tatsächlich das Publikum. Als ich 2015 nach Kempten kam, hörte ich oft, die Menschen hier seien eher kulturfern und schwer fürs Theater zu begeistern. Meine Erfahrung ist genau die gegenteilige: Wir haben ein ausgesprochen neugieriges Publikum, das offen für neue Perspektiven, ungewöhnliche Stoffe und unterschiedliche künstlerische Formen ist. Das empfinde ich als großes Privileg. Theater lebt schließlich von der Bereitschaft, sich auf Unbekanntes einzulassen. Gerade dieses Interesse ist in Kempten enorm ausgeprägt. Ich habe sogar den Eindruck, dass die Nachfrage häufig größer ist als das Angebot, das wir machen können. Nach den finanziellen Einschränkungen der vergangenen Spielzeit freut es mich deshalb besonders, dass wir nun wieder ein deutlich vielfältigeres und mutigeres Programm vorstellen können. Den genauen Grad der Innovationsfreude und -bereitschaft unseres Publikums versuchen wir gerade im Rahmen einer Umfrage herauszufinden.
     
  • Würden Sie diese Umfrage auch als Innovation werten?
    Auf jeden Fall. Gemeinsam mit der Hochschule Kempten und dem Institut für Nachhaltige und Innovative Tourismusentwicklung führen wir über ein ganzes Jahr hinweg eine umfassende Zuschauerbefragung durch. Uns interessiert, wer zu uns kommt, aus welchen Regionen unsere Besucher stammen und welche Zielgruppen wir erreichen. Darüber hinaus möchten wir sichtbar machen, welchen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Beitrag das Theater für die Stadt Kempten und die Region leistet. Vergleichbare Studien aus Österreich zeigen, dass kulturelle Einrichtungen eine beachtliche Wertschöpfung erzeugen und Investitionen in Kultur vielfach zurückgeben. Ich bin überzeugt, dass das Theater eine große Bereicherung für Kempten ist. Mit der Studie wollen wir dafür konkrete Daten liefern und den Mehrwert von Kultur nicht nur vermuten, sondern belastbar nachweisen.
     
  • Wie innovativ ist das Programm der neuen Spielzeit, die am 02. Oktober beginnt?
    Schon der Auftakt der neuen Spielzeit ist ein mutiges Signal. Wir eröffnen mit „Liebe und Anarchie“ von Lina Wertmüller, einem Stück, für das wir erstmals eine Triggerwarnung auf unserer Homepage aussprechen. Inhaltlich basiert die Geschichte auf einer realen Begebenheit aus dem faschistischen Italien der 1930er Jahre: Ein Attentat auf Mussolini soll vorbereitet werden, und die Kontaktperson des Widerstands arbeitet ausgerechnet in einem römischen Nobelbordell. Aus diesem historischen Stoff entwickelt Wertmüller ein ebenso politisches wie zutiefst menschliches Drama. Im Mittelpunkt steht ein junger, unerfahrener Attentäter, der zwischen seiner politischen Mission und einer unerwarteten Liebesgeschichte hin- und hergerissen wird.

    Gerade diese Verbindung von politischer Radikalität und persönlicher Sehnsucht macht das Stück so faszinierend. Hinzu kommt eine gute Portion deftigen Humors und die Musik von Nino Rota, dem legendären Filmkomponisten Federico Fellinis. Neapolitanische Lieder durchziehen die Inszenierung und verleihen ihr eine besondere Sinnlichkeit und Poesie. So entsteht ein Abend, der historische Realität, politische Brisanz, Eros, Komik, Musik und große Gefühle miteinander verbindet. Für mich steht diese Produktion exemplarisch für unsere neue Spielzeit: Wir greifen anspruchsvolle Themen auf, wählen ungewöhnliche Perspektiven, geben der Ernsthaftigkeit und dem Humor gleichermaßen Raum und vertrauen darauf, dass unser Publikum bereit ist, sich heiter auf komplexe und herausfordernde Geschichten einzulassen.
     
  • Welche weiteren Stücke der neuen Spielzeit würden Sie in die Kategorie „innovativ“ einordnen?
    Wir haben in der neuen Spielzeit das Innovativste, was möglich ist: Ein ganz neues Stück. Es heißt „Linda und die Irren“ von Leo Hiemer, ist eine regionale Geschichte und eine Uraufführung im April 2027. Daneben haben wir mit „Generationensalat“ ein außergewöhnliches Recherche- und Beteiligungsprojekt. Die jüngste Mitwirkende ist acht Jahre alt, die älteste 82. Gemeinsam beschäftigen sich 24 Allgäuerinnen und Allgäuer mit den Fragen und Spannungen zwischen den Generationen, entwickeln eigene Texte und Szenen und bringen diese selbst auf die Bühne.

    Ein weiteres großes Bürgertheaterprojekt ist unser Musical „Ab in die Büsche - Pinkelstadt“. Daran wirken ein Bürgerchor, eine Bürgerband und zahlreiche Bürgersolistinnen und -solisten mit. Insgesamt werden 50 bis 60 Menschen beteiligt sein. Viele stehen seit Jahren regelmäßig auf der Bühne und bringen inzwischen eine beeindruckende Erfahrung mit. Erzählt wird die Geschichte einer Gesellschaft, in der Wasser knapp geworden ist. Private Toiletten werden stillgelegt, stattdessen müssen alle Menschen kostenpflichtige öffentliche Anlagen nutzen. Selbst dort gibt es ein Zwei-Klassen-System mit besseren und schlechteren Toiletten. Wer „ab in die Büsche“ geht, wird streng überwacht und bestraft. Was vor 20 Jahren als satirische Zukunftsvision geschrieben wurde, wirkt heute bedrückend aktuell. Aus der zunehmenden Unzufriedenheit über Wasserknappheit und immer höhere Gebühren entwickelt sich auf der Bühne ein Volksaufstand. Das Wasser wird wieder öffentliches Gut, doch das eigentliche Problem bleibt bestehen. Die Verbindung aus Humor, Gesellschaftskritik und großer Ensemblearbeit macht das Stück besonders.
     
  • Gibt es weitere innovative Elemente, von denen Sie den Leserinnen und Lesern des Stadtmagazins erzählen möchten?
    Ja, wir haben eine interessante strukturelle Innovation am Laufen – die Weiterentwicklung unseres Fördervereins. Er war bislang ein klassischer Verein mit passiven Mitgliedschaften. Jetzt öffnen wir ihn auch für aktive Mitglieder, also für Menschen, die selbst auf der Bühne stehen. Dazu gehören unsere Bürgertheater-Mitwirkenden, künftig aber auch Kinder und Jugendliche aus unseren Spielclubs und Projekten – etwa dem Märchensommer auf der Burghalde. Das ist mir wichtig, weil ein Theater nur dann dauerhaft stark ist, wenn es in der Stadtgesellschaft verankert ist. Eine künstlerische Leitung kommt und geht, aber die Menschen vor Ort bleiben und geben dem Theater seine Identität. Mit dieser neuen Form der Mitgliedschaft schaffen wir Raum für genau diese Verbundenheit. Das ist vielleicht keine spektakuläre Innovation, aber eine sehr nachhaltige. Und ich kenne nur wenige Fördervereine, die diesen Schritt von der Unterstützung zur aktiven Teilhabe gegangen sind.
     

Informationen zum T:K

Das Programm der neuen Spielzeit: https://theaterinkempten.de/spielplan/ 

Die Theater-Umfrage ist hier zu finden: https://survey.questionstar.com/b633a150