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112 – wenn jede Minute zählt

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind Todesursache Nummer eins in Deutschland. Allen voran der sogenannte Herzinfarkt, der die Patienten oft plötzlich betrifft und bei dem jede Minute zählt, um Schlimmeres zu verhindern. Das Stadtmagazin zeichnet die Geschichte eines Mannes nach, der genau das erlebt hat. Er möchte aus persönlichen Gründen anonym bleiben. Sein Erlebnis zeigt, wie wichtig schnelles Handeln ist und wie effektiv unser Gesundheitssystem arbeitet.

Klinikum Kempten, kurz vor zwei Uhr nachts. Draußen ist es stockfinster, drinnen schieben mich zwei überaus freundliche Krankenpflegerinnen im Rollbett über endlose, hell erleuchtete Flure. Die Zeit drängt. Mein Herzmuskel steht kurz vor dem Absterben. Myokardinfarkt, irgendein Blutgefäß an meiner Pumpe ist wohl verstopft. Alarmstufe rot! Außer uns dreien ist kein Mensch um diese Zeit unterwegs, wir steuern das sogenannte Katheterlabor an. „Wenn Sie nichts dagegen haben, operieren wir Sie gleich, jetzt, heute Nacht. Ihr Troponin-Wert im Blut steigt immer schneller“, so hatte mich der diensthabende Arzt gegen ein Uhr geweckt. Natürlich habe ich nichts dagegen, ich will ja weiterleben, mit möglichst gesundem Herz. Das typische Engegefühl im Brustraum war brutal genug, das brauche ich nicht nochmal.  

Eine Situation, wie sie jeden Tag, jede Nacht x-mal passiert in Deutschland. Auch in Kempten. Dort werden im Jahr etwa 350 Patienten mit der Diagnose „akutes Koronarsyndrom“ aufgenommen, also pro Tag oder Nacht ein Mensch in höchster Lebensgefahr. „Zwei Drittel von ihnen kommen mit dem Rettungsdienst zu uns, die anderen sprechen persönlich vor“, sagt Dr. Martin Karch, Chefarzt in der Kardiologischen Abteilung des Klinikums. Bis zu sieben Fachärztinnen und Fachärzte für Kardiologie kümmern sich um diese Menschen, bis zu sechs spezielle Schockräume stehen in der Notaufnahme zur Verfügung.

Dort hatte mich der Rettungswagen (RTW) des Bayerischen Roten Kreuzes ebenfalls eingeliefert. „Wir nehmen Sie gleich mit, da hilft alles nichts“, hatten sechs freundlich-bestimmte und auf höchstem fachlichem Niveau agierende Helferinnen und Helfer am heimischen Wohnzimmertisch entschieden. Ich hatte aufgrund des für Myokardinfarkte typischen Engegefühls in der Brust sofort die Nummer 112 gewählt. Eine sehr gute Wahl. Unter 112 erreiche ich die „Integrierte Leitstelle“ (ILS) in der Rottachstraße, am Telefon fragt mich eine sehr zielorientierte Frau nach Symptomen und entscheidet innerhalb von Sekunden: „Sie brauchen Hilfe, wir kommen, bleiben Sie bitte ganz ruhig.“ Nicht einmal zehn Minuten vergehen, da stehen zwei rot-weiße RTW vorm Haus und die von einem Notarzt angeführten Helfer haben mich an allerlei Messgeräte angeschlossen, den Blutdruck stabilisiert, Schmerz- und Blutgerinnungsmittel injiziert. Die Leute arbeiten schnell, ohne große Worte, professionell und verströmen trotz der zugespitzten Situation eine beruhigende Gelassenheit. Da ich „orientiert, stabil und ansprechbar“ bin, wird schnell klar: Der Mann muss ins Klinikum, so schnell es der Verkehr auf Kemptens Straßen zulässt…“  

„Beim sogenannten Herzinfarkt kommt es auf jede Minute an“, erklärt Dr. Karch im Gespräch mit dem Stadtmagazin. „Wenn nämlich die Blutversorgung des Herzmuskels durch ein verstopftes Gefäß nicht mehr funktioniert, stirbt er irreparabel ab. Das Herz ist dann nicht mehr so leistungsfähig und wird nie mehr richtig arbeiten.“ Das Infarktgebiet vergrößert sich jede Minute mit verschlossenem Gefäß weiter. Gut also, wenn die als Richtwert geltenden zwölf Minuten bis zum Eintreffen eines Rettungswagens eingehalten werden können.

In Kempten und Umgebung sind sieben RTW stationiert, drei davon rund um die Uhr einsatzbereit, in Altusried, Durach und Kempten selbst. Wie Christian Nagel vom „Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Allgäu“ erklärt, werden die Fahrzeuge von gemeinnützigen Organisationen besetzt und betrieben. Notfallsanitäter und Rettungssanitäter werden von BRK und Johannitern gestellt, die Notärzte teilt die Kassenärztliche Vereinigung Bayern ein. Im Schnitt der vergangenen drei Jahre waren die Kemptener Rettungsteams in 88 Prozent aller Fälle innerhalb der 12-Minuten-Frist beim Patienten. Unter Umständen werden Patienten auch mit dem in Durach stationierten Rettungshubschrauber „Christoph 17“ ins Klinikum geflogen. Um das Rettungsnetz noch enger zu spannen, sind weitere RTW-Stellplätze in Dietmannsried, Kraftisried und Obergünzburg eingerichtet worden. Im Rettungsdienstbereich Allgäu stehen aktuell insgesamt 24 Rettungswagen parat.

Im Klinikum angekommen, werde ich wieder umfangreich verkabelt, jede Stunde wird mir Blut abgezapft und untersucht. Mit dem bereits erwähnten Troponinwert kann die akute Entwicklung des Herzinfarkts ganz genau überwacht werden. Als der immer schneller ansteigt, muss gehandelt werden. Not-OP zur Geisterstunde. Ich wuchte mich in meinem luftigen Krankenhauskittel auf einen im Katheterlabor stehenden Operationstisch und muss erstmal warten. „Sie kriegen einen Stent eingebaut“, erklärt mir die extra aus ihrer Nachtruhe alarmierte OP-Schwester, die trotz der unchristlichen Arbeitszeit um ein Uhr 30 ziemlich gut gelaunt ist. „Der Doktor kommt gleich, er operiert gerade noch.“  

Mit dem Stent wird das verstopfte Blutgefäß geweitet, das Blut kann wieder strömen. Leicht sediert döse ich vor mich hin, bis der Operateur gegen zwei Uhr den abgedunkelten Raum betritt. Er sucht an meinem Handgelenk einen Eingang für den notwendigen Katheter, mit dem er zuerst die Situation an meinem Herz checkt und dann den Stent einführt. Dank lokaler Betäubung fühle ich nicht, was er macht, um mein Leben zu retten. Ich liege flach auf dem Tisch, über mir eine Lampe, sonst alles dunkel, der Arzt arbeitet schnell und hochkonzentriert, wechselt mit der Kollegin nur die notwendigsten Worte. Mal dreht er mich per Fußsteuerung auf links, mal auf rechts, dann meine ich, den haarfeinen Katheterdraht am Herzen zu spüren. Vielleicht ist es auch nur Einbildung, wer weiß das so genau in dieser irrealen, fantastisch anmutenden Situation mitten in der Allgäuer Nacht.

Meine Gesundheit liegt in den Händen zweier hochkompetenter Fachleute, die ihren Schlaf opfern, um mich vor großem Schaden zu bewahren. Irgendwann sagt der operierende Arzt: „Schauen Sie, das ist Ihr Problem“ – und dreht seinen Röntgenbildschirm zu mir herum. Weißes Kontrastmittel im Geflecht unzähliger kleiner bis winziger Gefäße ist zu sehen. „Da ist die Engstelle.“ Er zeigt auf einen Pfropfen am vorderen Herzen, gut drei Zentimeter lang, noch sickert das Blut durch ein feines Kanälchen. Nach einer Stunde ist alles vorbei, der Kardiologe verschwindet im Dunkel der Nacht, ich komme nicht mal mehr dazu, mich bei ihm zu bedanken. Ohne ihn und seine Kunst wäre ich nicht mehr der, der ich jetzt wieder sein darf.

Meine Dankbarkeit dafür und mein Respekt für die Arbeit von Ärztinnen, Ärzten, Schwestern, Pflegern und Rettungspersonal sind riesig. Der manchmal wohlfeilen Kritik am deutschen Gesundheitssystem  kann ich mich nicht anschließen. Ich bin einfach froh, dass es das gibt. Die Kosten für die Krankenkassen mögen manchmal durchaus zu hinterfragen sein. Doch wenn das System einen persönlich rettet, sind sie Makulatur.  
 

Was tun zur Vorbeugung?

Bleibt noch die Frage, was man tun kann, um nicht als Myokardinfarkt-Patient mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht werden zu müssen. „Lassen Sie regelmäßig Ihre Blutfettwerte kontrollieren, fragen Sie auch nach Ihrem Wert für das Lipoprotein(a)“, rät Dr. Martin Karch vom Klinikum Kempten. „Dann machen Sie schon einiges richtig.“ Und wenn man Zeichen wie Engegefühl oder Schmerzen in der Brust, im Rücken- und Schulterbereich bemerkt, sollte man nicht abwarten, sondern sofort die 112 wählen. Bei Frauen sind die Anzeichen übrigens oft weniger eindeutig und äußern sich eher in Form von unerklärlichen Schmerzen im Oberbauch oder Rücken, extremer Kurzatmigkeit, plötzlicher Übelkeit und Erbrechen sowie starker Erschöpfung.
Weitere Infos zum Thema: www.herzstiftung.de

 

Text: Lutz Bäucker, Fotos: Helga Fendt, Klinikum Kempten