Auch dieses Jahr wird es in Kempten wieder einen „Park(ing) Day“ geben, und zwar am 18. September – und dieses Mal nicht wie in der Vergangenheit am Residenzplatz, sondern in der Bahnhofstraße zwischen Bahnhof-Apotheke und Forum. Die Aktion soll konkret für die Verlängerung der Fußgängerzone mit freiem Radverkehr bis zum Forum werben.
„Wie schön könnte unsere Stadt sein, wenn nicht überall Autos herumstehen würden! Wir hätten mehr Platz zum Flanieren und Radeln, für Blumen und Bäume, mehr Lebensraum für Groß und Klein“, sagt Gesine Weiß, Sprecherin des Freundeskreises für ein lebenswertes Kempten (FLKE), der den Park(ing) Day maßgeblich organisiert. Dabei handelt es sich um einen internationalen Aktionstag, traditionell durchgeführt in Städten wie San Francisco, Paris, Berlin oder München – und seit 2019 auch in Kempten. Ziel ist es, auf den großen Flächenverbrauch durch Autos aufmerksam zu machen und für die Themen Stadtgrün und nachhaltige Mobilität zu sensibilisieren.
Kleinkunst & Zusammensein, wo sonst Straße ist
Am 18. September 2026 von 14 bis 18 Uhr „besetzen“ dieses Jahr verschiedene Gruppen aus den Bereichen Foodsharing, DIY, Musik, Kleinkunst, Akrobatik und mehr die Bahnhofstraße zwischen Bahnhof-Apotheke und Forum Allgäu. Auch ein ADFC-Infostand, ein Fahrrad-Hindernisparcours und eine Pop-up-Bike-Lane werden geboten sein. Wer einmal sehen will, wie es wäre, wenn die Fußgängerzone bis hinauf zum Forum reichen würde, kann das an diesem Tag tun – sicher eine spannende Erfahrung! Am Montag nach dem Aktionstag wird es eine Podiumsdiskussion zum Thema Stadtentwicklung und Verkehrsberuhigung geben.
IHK: Alternative Mobilitätsarten berücksichtigen
Diese Veranstaltung richtet sich an ein breites Publikum, das sich mit dem Thema Innenstadtentwicklung auseinandersetzen möchte. Wie in vielen anderen Kommunen auch, besteht hier in Kempten Handlungsbedarf – ein Blick auf die vielen Leerstände in der Fußgängerzone zeigt das eindrücklich. In seinem „Rezeptbuch für eine attraktive Innenstadt“, für das er viele tausend Interviews geführt hat, schreibt der Baden-Württembergische Industrie- und Handelskammertag: „Die Herausforderung: Strukturen haben sich in der Vergangenheit in Gebäuden, Straßen, Plätzen etc. manifestiert, um die zu bestimmten Zeiten vorherrschenden Bedürfnisse zu befriedigen. Beispielsweise breite Zufahrtsstraßen, um die zunehmende Zahl von Pkw gut handhaben zu können, große Ladenlokale in A-Lagen mit Produkten, die heute zunehmend online nachgefragt werden oder Plätze, die nur funktionieren müssen, um wenige große Events abzuhalten, aber für den Rest des Jahres Aufenthaltsqualität vermissen lassen und sich negativ auswirken. Deshalb muss man die Veränderungen in diesen Bereichen zukünftig stärker berücksichtigen:
- Zunahme des Onlinehandels
- Lebensmittelgrundversorgung auf der grünen Wiese
- Klimawandel und zu heiße Innenstädte
- sich veränderndes Mobilitätsverhalten, bei dem vieles auf die Erreichbarkeit durch Pkw ausgerichtet bleibt, wodurch andere Mobilitätsgruppen häufig zu wenig Beachtung finden.“
Und das Deutsche Institut für Urbanistik schreibt in seinem Policy Paper „Sind also der wegfallende Parkplatz vor dem Geschäft oder die Umgestaltung des Straßenraumes zugunsten von Fußgänger:innen oder Radfahrer:innen tatsächlich eine Bedrohung für den Einzelhandel? Kausale Zusammenhänge zwischen Verkehrsberuhigungsmaßnahmen und einer wirtschaftlichen Schlechterstellung des stationären Einzelhandels sind vor dem Hintergrund der vorliegenden Untersuchungen nicht belegbar. Eine bessere Aufenthaltsqualität und höhere Kundenfrequenzen führen in fast allen untersuchten Studien zu einer Stabilisierung bzw. Steigerung der Umsätze.
Die Erklärung ist einfach: Dort, wo sich Menschen gern aufhalten, wo sie sich wohlfühlen, wo sie länger vor einem Geschäft verweilen, nutzt dies am Ende auch dem Einzelhandel. Zu den Fakten gehört aber auch, dass nicht alle Branchen gleichermaßen profitieren. Entscheidend ist, wie die Umgestaltung vorgenommen wird. Unter dem Strich bleibt die Feststellung, dass Verkehrsberuhigungsmaßnahmen die Krise des Einzelhandels nicht kompensieren können, aber durchaus abmildern und keinesfalls verantwortlich für das ,Geschäftesterben‘ sind.“
In Kempten ist beim Thema Innenstadtentwicklung auch noch ein weiteres Thema relevant: Was wünschen sich Tourisen, wenn sie nach Kempten kommen? Und welche Ansätze ergeben sich daraus für die zukünftige Stadtgestaltung? Auch dieser Aspekt wird im Rahmen der Podiumsdiskussion am 21. September ausführlich zur Sprache kommen.
Text: Anke Roser, Foto: Gesine Weiß
Europäische Mobilitätswoche 2026
Die Stadt Kempten macht in diesem Jahr zum zweiten Mal bei der Europäischen Mobilitätswoche mit. Diese findet jedes Jahr vom 16. bis 22.09. statt und bietet Kommunen und ihren Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zu erfahren und aufzuzeigen, dass nachhaltige Mobilität möglich ist, Spaß macht und ganz einfach praktisch gelebt werden kann.
Unter anderem werden diese Projekte angeboten:
- 16.09.: Bürgerbefragung: Top oder Flop: Soll die Einbahnstraßenregelung im östlichen Brodkorbweg auf Dauer bestehen bleiben?
- 17.09.: Wie nutze ich eine Park-App? Learning by Doing
- 18.09.: Auf die Räder, fertig, los! – Kinder in Aktion und: Park(ing) Day in der Bahnhofstraße (siehe Infos weiter oben)
- 19.09.: Probefahrt mit Lastenrädern & E-Carsharing erleben und: Sport- und Familientag
- 21.09.: Buseinstiegstraining mit Rollstuhl, Rollator etc.
- 22.09.: ADFC-Radtour durch Kempten
- Ab September 2026: kostenloser Illersteg-Shuttle
Das gesamte Programm ist hier zu finden: https://www.kempten.de/emw-39496.html
Zukunft Innenstadt
Handel, Begegnung und Lebensqualität
Was braucht eine Innenstadt, damit Menschen gerne dort einkaufen, verweilen und immer wieder zurückkehren? Im Rahmen des Park(ing) Day und der Europäischen Mobilitätswoche findet am 21. September eine Podiumsdiskussion statt mit Levke Sönksen, Projektleiterin am Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin, Christian Campagna, Leiter von Mode Reischmann als Vertreter des Kemptener Einzelhandels und Prof. Robert Keller vom Institut für Nachhaltige und Innovative Tourismusentwicklung (INIT) der Hochschule Kempten. Thema ist das Zusammenspiel der verschiedenen Akteure bei der Entwicklung einer lebendigen Innenstadt. Wie lassen sich Handel, vielfältige Nutzungen, Aufenthaltsqualität und moderne Verkehrsführung sinnvoll verbinden? Und was erwarten Touristen heute von einer Stadt, die sie als attraktiv und besuchenswert wahrnehmen? Es moderiert Anke Roser, Chefredakteurin des 0831.
Wann: Montag, 21.09.2026, 19 Uhr, Hochschule Kempten, Fakultät Tourismus, Gebäude A – Denkfabrik
Veranstalter: Architekturforum Allgäu e.V., Freundeskreis für ein lebenswertes Kempten
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