Wer an Krafttraining denkt, hat oft zuerst Hanteln, Fitnessstudios oder große Trainingsgeräte vor Augen. Doch es geht auch anders. Calisthenics heißt der Sport, bei dem das eigene Körpergewicht zum Trainingsgerät wird. Liegestütze, Klimmzüge, Dips oder Kniebeugen bilden die Basis, später folgen anspruchsvollere Übungen wie Handstände oder der spektakuläre Muscle-up. Wir haben zwei Calisthenics-Begeisterte in Kempten begleitet.
Der Begriff Calisthenics kommt aus dem Griechischen und setzt sich aus den Wörtern für „Schönheit“ und „Kraft“ zusammen – und genau darum geht es: um kontrollierte, funktionelle Bewegungen und nicht um möglichst schwere Gewichte. Körpergewichtsübungen wurden schon in der Antike praktiziert und später unter anderem im Militär oder im Turnsport eingesetzt. Als moderne Trendsportart wurde Calisthenics jedoch erst Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre bekannt. Vor allem durch öffentliche Sportparks, sogenannte Street-Workout-Anlagen, und durch soziale Medien verbreitete sich der Sport weltweit. Heute entstehen in vielen Städten Calisthenics-Parks, an denen sich Anfänger und Profis gleichermaßen treffen.
Unabhängig und ohne Ausrüstung
Calisthenics ist nahezu überall möglich. Wer eine Klimmzugstange oder eine Outdoor-Anlage in der Nähe hat, kann direkt loslegen, viele Übungen funktionieren sogar ganz ohne Hilfsmittel. So ist der Sport kostengünstig und flexibel in den Alltag integrierbar. Anfänger starten mit einfachen Übungen und steigern sich Schritt für Schritt, während Fortgeschrittene an komplexen Bewegungsabläufen und beeindruckenden Kraftübungen arbeiten. Trainiert werden dabei nicht nur Muskeln, sondern auch Beweglichkeit, Gleichgewicht, Koordination und Körperkontrolle – Fähigkeiten, die sich im Alltag ebenso auszahlen wie in anderen Sportarten.
Im Calisthenics-Park Kempten
Wir haben Finn und David getroffen und zuallererst mal große Augen gemacht... siehe Foto. Finn betreibt Calisthenics erst seit Anfang 2026 – die Erfolge sind sichtbar. Er ist 17 Jahre alt und möchte die Welt bereisen, sobald er volljährig ist. Zu Calisthenics kam er durch seinen Freund David, der seit etwa zwei Jahren dabei ist. Die beiden teilen eine ähnliche Story: kein Bock mehr auf Schule, mentales Loch und Sinnsuche. David berichtet von düsteren Zeiten, aus denen ihn wie ein Weckruf die Themen Calisthenics, Ernährung und Natur via Social Media gerettet haben. Finn und David trainieren bis zu viermal pro Woche draußen und das immer barfuß – für das spirituelle Feeling. Einmal wöchentlich ergänzen sie ihr Training mit einer gezielten Einheit im Fitnessstudio.
„Ich bin körperlich viel besser drauf, habe Ziele, denen ich mich nähere. Der Sport gibt mir Struktur und Sinn“, so David. Beide bestätigen, sich geerdet und gereinigt zu fühlen, wenn sie draußen trainieren. Die stetigen Fortschritte und ein schöner Körper, sozusagen als Nebeneffekt, sind starke Motivatoren. Denn so differenziert Finn und David Social Media im Gespräch betrachten, können auch sie sich dem Vergleich mit anderen nicht entziehen. „Looksmaxxing“ betreiben sie in gewisser Weise auch, aber mit natürlichen Mitteln. Proteinshakes oder „Bonesmashing“ (sich die Gesichtsknochen zertrümmern, damit sie konturierter zusammenwachsen!) passen nicht in ihr Konzept, dafür Training, Fleisch, Rohmilch und Eier. „Es fühlt sich gut an, nicht den einfachen Weg für Likes zu gehen, z. B. per Filter oder mit gefakten Videos, sondern etwas Echtes mit realem Ergebnis zu leisten“, sagt Finn.
Das gemeinsame Training bedeutet für sie vor allem gegenseitige Motivation und weniger Vergleich oder Wettbewerb. Anfängern empfehlen sie, es langsam anzugehen und nicht sofort zu viel zu erwarten, denn es kann ein wenig dauern, bis sich erste Erfolge zeigen. Vor allem nicht übertreiben, nicht alles knallhart optimieren, sondern einfach tun, was sich gut anfühlt.
Der Calisthenics-Profi „Coach Flex“
Der Kemptener Felix Städele betreibt in München ein Büro, von dem aus er mit seinem Team von „Flex Calisthenics“ Menschen aus dem gesamten D-A-CH -Gebiet unterstützt, ihre sportlichen Ziele zu erreichen. Dazu gehört auch ein eigenes Gym. Erst kürzlich hat er sein Calisthenics-Buch „Kraft ohne Grenzen“ herausgebracht. In den sozialen Medien kann man seine beeindruckende Körperbeherrschung bestaunen. Wir haben mit ihm gesprochen.
- Felix, wie bist du zu Calisthenics gekommen?
Mit 18 Jahren hatte ich starke Rückenprobleme aufgrund einer Beinlängendifferenz. Ich wusste, dass ich eine starke Körpermitte und einen beweglichen Hüftbereich brauche, um meine Leidenschaft Eishockey wieder schmerzfrei zu betreiben. Crossfit, Fitnessstudio und Freeletics brachten nicht den gewünschten Erfolg. Ein Video, in dem ein Sportler seinen Körper horizontal unter einer Stange hielt, war die Initialzündung. Mir war klar: Wenn ich das hinbekomme, dann habe ich eine so gute Körperspannung, dass ich wieder Eishockey spielen kann. Anfang 2014 absolvierte ich mein erstes Calisthenics-Training und bin dem Sport bis heute treu geblieben. Meine Rückenschmerzen sind Geschichte.
- Was fasziniert dich an diesem Sport und was motiviert dich, dranzubleiben?
Das Gefühl, etwas zu können, was man vor Wochen, Monaten, Jahren noch nicht konnte. Das Gefühl, das erste Mal sein eigenes Körpergewicht mit purer Muskelkraft nach oben zu ziehen. Das Gefühl, die ersten Sekunden im freien Handstand zu stehen und dabei die absolute Kontrolle über seinen eigenen Körper zu haben, ist unbeschreiblich. Man fühlt sich stark, das Selbstbewusstsein steigt und man will mehr. Der Prozess, sich Ziele zu setzen, die Disziplin aufzubringen, kontinuierlich ins Training zu gehen und für sein Ziel zu arbeiten, wird selbstverständlich. Nicht nur im Training, sondern auch im Alltag, im Beruf und im Privatleben.
- Trainierst du lieber allein oder gemeinsam mit anderen – warum?
Wenn ich einen vollen Terminkalender und ein hohes Stresslevel habe, genieße ich es, alleine zu trainieren. Dennoch finde ich es auch supercool, regelmäßig mit anderen zu trainieren, sich auszutauschen und eine gute Zeit zu haben.
- Gibt es eine Übung oder einen Trick, auf den du besonders stolz bist?
Ja, der sogenannte Frontlever! Wegen dieses Skills habe ich mit Calisthenics angefangen. Man hängt an einer Klimmzugstange, der Körper ist in der Horizontalen, der Bauch zeigt zur Stange und die Arme sind komplett gestreckt. Diese Haltung ist ein purer Kraftakt und hat dazu geführt, dass ich mit diesem Sport angefangen habe.
- Welchen Rat gibst du anderen, wenn sie mit Calisthenics anfangen wollen?
Calisthenics-Beginner sollten sich auf die Grundübungen Klimmzüge, Liegestütze und Dips fokussieren, um darin stärker zu werden. Dazu gibt es Vorübungen, um Kraft aufzubauen. Es hilft, auf sich und die eigenen Fortschritte zu schauen und weniger nach links und rechts, denn das führt oft dazu, dass man schlechte Entscheidungen trifft, den Fortschritt bremst und sogar in eine Überlastung trainiert. Bitte keine Übungen „ausprobieren“, für die man noch nicht die notwendige Kraft hat! Wenn ich noch einmal anfangen müsste, dann würde ich mir von Beginn einen Mentor suchen, der mir dabei hilft, die ganzen Fehler von vornherein zu vermeiden.
Flex Calisthenics online
Website: www.flex-calisthenics.com
YouTube: https://www.youtube.com/c/FlexCalisthenics
Instagram: www.instagram.com/flex.st
Text und Fotos: Eva Konzelmann, Fotos: Felix Städele
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