Santiago de Compostela ist das Ziel vieler Tausender Pilger aus der ganzen Welt. Klassisch sind sie zu Fuß unterwegs, manchmal auf dem Pferd und immer öfter auf Fahrrädern. So wie vor einigen Wochen eine Pilgergruppe aus Bayern: 30 Frauen und Männer haben sich mit robusten E-Bikes und der markanten Jakobsmuschel an den Packtaschen auf den „Camino Português“ begeben, darunter 0831-Reporter Lutz Bäucker. Hier erfahrt ihr Genaueres – und am Ende auch, wie und wo man im Allgäu pilgern kann.
Als Fußpilger muss man sich quälen, um ans Ziel zu kommen. Tage- oder wochenlang auf hartem Untergrund zu laufen, bei jedem Wetter, im nässenden Nebel der Atlantikküste, in der Gluthitze galizischer Landstraßen, gegen den stetigen starken Wind aus Nordnordwest – das ist nicht jedermanns Sache. Als Radler hat man es etwas leichter, aber auch dabei warten Herausforderungen. Der erwähnte Gegenwind ist frustrierend, die Anstiege auch mit elektrischer Unterstützung atemberaubend, die rasenden Abfahrten auf lockerem Untergrund gelegentlich abenteuerlich.
Leuchtend gelbe Muschel
Täglich sind zwischen 50 und 70 Kilometer auf dem Camino zurückzulegen. Schilder mit einer leuchtend gelben Muschel weisen den Weg, den viele Menschen gemeinsam bewältigen.
Die meisten Pilger kommen aus Kanada, den USA und Italien, berichtet der Guide Paulo, der im früheren Leben als Erster Offizier auf riesigen Öltankern die Weltmeere befahren hat. Jetzt besitzt er ein halbes Dutzend Fahrräder, sogar eins aus Titanium, und führt interessierte Gäste ans Ziel ihrer Sehnsüchte. Paulo findet überwiegend ruhige, sichere Wege. Er kennt die Orte, wo es die beste Fischpfanne und den aromatischsten „Café con leche“ gibt. Und er weiß, was ein echter Pilger braucht: täglich mindestens zwei Stempel im „Credencial del peregrino“, dem Pilgerausweis. Ohne den gibt es am Ende der Fahrt keine Pilgerurkunde im Pilgerbüro in Santiago.
Stempel, überall Stempel
Die Stempel erhält man in Herbergen, Kirchen, Kapellen, auch in Bars und Wirtshäusern. Und manchmal an verborgenen Stellen, zum Beispiel in einem Platanenwald irgendwo hinter Vigo. Paulo stoppt an einem kleinen Wasserfall und führt seine Gruppe an den Campingtisch von Cristiano. Der fertigt für jeden Pilger ein spezielles Pilger-Siegel an, etwa mit Fahrradmotiv. „Ich mach das einen Sommermonat lang,“ erzählt er beim Erhitzen des Lacks, „es macht mich glücklich, den Leuten etwas geben zu können.“
Nördlich von Padrón in Galicien wird es belebter auf dem Kopfsteinpflaster. Hier kommen immer mehr Pilger auf verschiedenen Wegen zusammen, es sind nur noch wenige Kilometer bis Santiago. Und plötzlich tut er sich auf, der riesige Platz „Praza do Obradoiro“ mit der beeindruckenden Kathedrale. Die Radlgruppe ist am Ziel, verschwitzt, sonnenverbrannt, mit dem Staub der Landstraßen auf Rad, Armen und Beinen. Und glücklich!
Radpilgern im Allgäu
Auch im Allgäu kann man ähnliche Erfahrungen machen und mit dem Fahrrad pilgern. Die Hauptroute führt von Kempten über Weitnau nach Scheidegg bis nach Lindau am Bodensee. Sie ist Teil der Jakobswege von Augsburg bzw. München Richtung Frankreich. Überall gibt es günstige Quartiere. Besonders erwähnenswert ist das Pilgerzentrum in Scheidegg, das von der evangelischen Pfarrgemeinde betrieben wird. Pilgervater Werner Schroth (77) bietet dort 18 Betten in vier Räumen an, Übernachtung mit Frühstück gibt’s für 33 Euro.
Schroth beobachtet eine deutliche Zunahme von Radpilgern, im Jahr begrüßt er um die 400 Pilger, zwei Drittel davon sind Frauen. „Wer pilgert, lernt loszulassen, viele suchen sich selbst, möchten eine Auszeit vom Alltag“, sagt er. Das Pilgerzentrum ist von Mitte Mai bis Ende Oktober geöffnet und bietet kein WLAN: „Die Leute sollen ja herunterkommen“, meint der Pilgervater, der selbst schon öfter auf den Jakobswegen in Portugal und Nordspanien nach Santiago gelaufen ist.
Text und Fotos: Lutz Bäucker
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