Für ein Fahrradgeschäft hat Ehrenmüller.AI einen Voice Bot oder Telefonagenten entwickelt, der automatisiert Kundengespräche führt. So perfekt, dass viele Anrufer die KI-generierte Stimme für eine menschliche halten. Für den Traktorenhersteller Fendt optimierte Ehrenmüller.AI die finale Qualitätskontrolle mithilfe einer KI. Solche und ähnliche Beispiele kann Geschäftsführerin Dr. Julia König zuhauf erzählen. KI-Lösungen made in Kempten haben Konjunktur – und andere Ideen von Julia König auch.
Grundsätzlich muss man bei der Künstlichen Intelligenz (KI) zwei Bereiche unterscheiden. Das eine sind große Sprachmodelle wie ChatGPT von OpenAI, LLaMA von Meta oder Gemini von Google. Durch gezielte Fragen in Form von „Prompts“ kann man von Lexikonwissen bis zu Lebensberatung alles bekommen, was man sich nur vorstellen kann, inklusive Fotos, Videos und Musikstücke. Da das Training dieser Modelle große Datenmengen erfordert, findet dieses vor allem dort statt, wo große Rechenzentren bestehen – in den USA, in Frankreich und China.
KI-Portfolio seit 2019
Deutsche Firmen hingegen konzentrieren sich aktuell auf den Einsatz von KI sowie auf die Entwicklung kleinerer, spezialisierter KI-Modelle – von Prognosemodellen über Empfehlungsdienste bis hin zu Bild- und Spracherkennung. Schwerpunkte bilden Datenaufbereitung, KI-Modellentwicklung, Echtzeitsysteme und Monitoring. Dieses Portfolio bietet seit 2019 auch die Firma Ehrenmüller.AI erfolgreich ihren Kunden aus ganz Deutschland an. Mit rund 20 Mitarbeitenden, darunter zahlreiche Data Scientists und Data Engineers, realisiert die Firma unter der Regie ihrer Gründerin Dr. Julia König alle Kundenwünsche, die in Richtung KI-Assistenz, also maßgeschneiderte KI-Lösungen, gehen. Mit „Prompting“ hat das nichts mehr zu tun, sondern mit dem Fitmachen des deutschen Mittelstands für die digitalen Herausforderungen der Zukunft. Eine stattliche Anzahl namhafter Allgäuer Unternehmen setzt diesbezüglich schon auf die Firma Ehrenmüller.AI von Dr. Julia König und ihrem Team.
Lieblingsfach Mathematik
„Mathematik war eines meiner Lieblingsfächer in der Schule. Man musste nichts auswendig lernen. Wenn man einmal begriffen hatte, wie‘s funktioniert, lief es“, sagt die 35-Jährige beim Interview in den Redaktionsräumen des Kemptener Stadtmagazins 0831. Die gebürtige Österreicherin studierte an der TU München sowie der École Polytechnique in Frankreich Mathematik und promovierte an der TU Hamburg im Bereich der Graphentheorie. Ins Allgäu kam die Mathematikerin durch ihren Lebenspartner, einen gebürtigen Allgäuer. „Mein Mann, den ich in München kennengelernt habe, hat mir prophezeit, dass jeder emigrierte Allgäuer eines Tages in seine Heimat zurückkehrt. Voilà!“
Allgäuer KI-Stammtisch
Von 2016 an entwickelte Julia König unter anderem für Sixt in München und Bosch in Immenstadt KI-Modelle. In dieser Zeit reifte in ihr die Idee, einen Allgäuer KI-Stammtisch ins Leben zu rufen. Bereits vor der Gründung ihres Unternehmens, der Ehrenmüller GmbH, im Jahr 2019 konnte sie so erfolgreich Allgäuer Unternehmer ansprechen, die daran interessiert waren, durch KI-gestützte Assistenzsysteme ihre Unternehmensziele zu besser zu erreichen, Einsparpotenziale zu nutzen und Umsätze zu erhöhen. Nach zwei Jahren im Gründerzentrum zog Julia König mit ihren sechs Angestellten Ende 2020 in die ersten eigenen Büroräume ins S4 an der Kemptener Stadtmauer. Seither kennt das Wachstum des innovativen KI-Unternehmens nur eine Richtung – nach oben. „80 Prozent unserer Arbeit ist KI-Entwicklung, 20 Prozent sind Beratungen und Schulungen. Unser Schwerpunkt liegt daher auf der Entwicklung praktischer Anwendungen in den jeweiligen Unternehmensbereichen.“
Menschliche KI-Telefonagenten
Julia König erläutert dies an konkreten Beispielen aus der Praxis. Neben dem Voice Bot für die Fahrradkunden erzählt sie von der Qualitätssicherung bei Fendt, wo eine KI die Bilder von fertigen Traktoren mit den Auftragsdaten aus einem Manufacturing Execution System vergleicht. Für QTRADO, einen der größten Pressegroßhändler Deutschlands, der Zeitschriftensortimente beispielsweise für Raststätten und Tankstellen zusammenstellt, schuf Ehrenmüller.AI ein KI-gestütztes System zur Sortimentsoptimierung für Verkaufsstellen. „An Großprojekten wie für QTRADO arbeitet ein Team unserer KI-Entwickler ein bis zwei Jahre, an der Entstehung eines Voice Bots lediglich ein paar Wochen“, so Julia König.
Mehr Chancen als Risiken
„Natürlich schafft Künstliche Intelligenz Arbeitsplätze – und leider einige auch ab“, erklärt Dr. Julia König, als es im Gespräch um die Risiken der KI geht. „Alle Tätigkeiten, die leicht zu automatisieren sind, sind betroffen. Das ifo-Institut schreibt, dass ein Viertel der Unternehmen mit Stellenabbau durch KI rechnet.“ Davon betroffen sein werden vor allem Bereiche der Verwaltung, ob in privatwirtschaftlicher oder öffentlicher Hand. Aufgaben im Backoffice, Kundenservice, Rechnungswesen, Kundenkontakt und in der Buchhaltung werden vortrainierten KI-Modellen mit Zugang zu den relevanten Daten übertragen.
„Im Ergebnis führt das zu mehr Effizienz – und möglicherweise zu mehr Bewerbungen junger Menschen in Handwerksbetrieben. Die Arbeitslosenquote bei Akademikern steigt aktuell, Stellenangebote werden weniger“, so die Mathematikerin König, die in der KI aber vor allem eine riesige Chance sieht. „KI wird das Leben von Menschen in vielen Bereichen verbessern, etwa in der Medizin, Bildung, Arbeit und Forschung. Es ist ein Werkzeug, das den Menschen unterstützt und entlasten kann.“ Auf die Frage, ob sie keine Angst hat, dass irgendwann die Künstliche Intelligenz die Herrschaft über die Menschheit übernehmen wird, antwortet die Mathematikerin und Mutter einer dreijährigen Tochter entspannt: „Nein, notfalls können wir den Stecker ziehen.“
Text: Jörg Spielberg, Fotos: Ehrenmüller GmbH
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